Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Jüdische Kunst in Kiew und Petrograd
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 356 (sequence 4)
- Language
- German
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356 Umschau: Berichte von jüdischer Erziehung Was die wertvolle Sammlung jüdischer Kunst betrifft, die Anski während seiner Expedition in Wolhynien und Galizien (letzteres besuchte errwährend der russischen Okkupation ungefähr im Jahre 1914—15) zustande brachte, so scheint sie sich nicht mehr in Petrograd zu befinden. Die Gesellschaft zur Förderung der Kunst hatte es sich zu einer ihrer dringendsten Aufgaben gestellt, das in den russischen staatlichen Sammlungen befindliche Material durch Vervielfältigung den breiten Volksschichten zu bieten. Ich und der Architekt Smorgonski machten uns daran, die Miniaturen in den alten Manuskripten zu kopieren. Ich suchte die charakteristischsten Blätter in den illustrierten Haggaden aus, die dem Photographen überlassen wurden. Das gesichtete Material wurde außerdem katalogisiert, indem literarische Werke, in das uns interessierende Bereich einschlagende Namen u. a. m. auf besondere Zettel eingetragen wurden; Die Gesellschaft sollte allmählich eine Sammlung von Cliches (Negativen und Diapositiven), von Zeichen- und Photographienalbums zusammenstellen. Eine weitere Aufgabe der Gesellschaft bestand darin, Bildertafeln für jüdische Schulkinder zu beschaffen. Es wurden Wettbewerbe ausgeschrieben, an denen sich eine ganze Reihe jüdischer Künstler beteiligte: Chagall, Sinajski, Lachowski, Solomonow, Lisitzki u. a. Bilder, wie „Der Schneider", „Am Sedertisch" und viele andere schmückten in kurzer Zeit den Ausstellungsraum der Gesellschaft. Es muß hier erwähnt werden, daß die Gesellschaft in der Organisation von Wettbewerben einige Änderungen vornahm, wie sie durch die neuen Verhältnisse, die ungeheure Teuerung geboten waren. Es ist augenblicklich einem Künstler in Rußland nicht zuzumuten, daß er sich an einem Preisausschreiben beteilige aufs Risiko hin, dabei leer auszugehen. Jeder Bewerber, der sich an einer von der jüdischen Gesellschaft zur Förderung der Kunst veranstalteten Konkurrenz beteiligt, bekommt ein bestimmtes Honorarminimum. Hingegen nimmt sich die Gesellschaft das Recht aus, die Teilnehmer selber auszusuchen und deren Zahl beliebig zu beschränken. In den somit gezogenen Grenzen ist der Wettbewerb frei. Der Preisgekrönte erhält außer dem Honorarminimum eine Prämie. Die Gesellschaft vermittelte ihren Mitgliedern so manchen privaten und staatlichen Auftrag durch die von ihr veranstalteten Konkurrenzen. R. Bernstein-Wischnitzer BERICHTE VON JÜDISCHER ERZIEHUNG Die verwirklichte Lehre von der Arbeit In der Fülle der Probleme, die uns in dem Augenblick überfallen haben, da wir uns anschickten, der jüdischen Gemeinschaft neue Stützen zu geben, fand sich auch das Problem der gemeinschaftlichen Jugenderziehung. Sie ist für den Wiederaufbau unseres Volkes von hoher Bedeutung, und zwar sowohl in Palästina wie in den Galuthländern. In Palästina finden wir eine unverhältnismäßig große Zahl von Kindern vor, die nicht im Elternhause aufwachsen und deren Erziehung der Gesellschaft obliegt. Da sind die zahlreichen jungen Wesen, deren Eltern zu arm und zu elend sind, um selbst die Erziehung ihrer Kinder zu leiten. Da sind die Knaben und Mädchen, die von ihren im Ausland lebenden Eltern im Vertrauen auf die menschenbildende Kraft der neuen jüdischen Gesellschaft zur Erziehung nach Palästina geschickt werden. Da sind die Waisenkinder, die schon vor dem Kriege und besonders während seiner Dauer der Verwandten beraubt wurden. Da ist eine nach Tausenden zählende Schar junger Menschen, die — je nach der Art, in welcher die Volksgemeinde sie aufwachsen läßt — eine Lebensader oder eine Lebensgefahr für die neue Gemeinschaft werden können. In den Galuthländern werden die Scharen der Waisen, der in Not und Elend verkommenden Kinder noch ergänzt durch die Zahl derer, deren Eltern durch geistige und sittliche Verkommenheit das Recht zur Erziehung ihrer Kinder verwirkt haben. Alle diese Kinder müssen durch gemeinschaftliche Erziehung zu nützlichen Gliedern des Volkes herangebildet werden. Bei normal lebenden Völkern ist es bedeutend leichter, Grundprinzipien der Jugenderziehung zu finden, als bei uns. Bei jenen besteht eine instinktive Kenntnis und Bejahung der eigenen Art, und die Jugenderziehung richtet sich mit Selbstverständlichkeit auf die Heranbildung des klar erkannten idealen Nationaltypus. Uns ist das Wissen um die Grundlinien unseres Wesens und damit die Vorstellung von einem idealen Entwicklungsziel abhanden gekommen. Unsere jähe Erkenntnis von den Entartungserscheinungen in unserem eigenen Wesen ist noch nicht begleitet von der Vorstellung eines neuen jüdischen und menschlichen Idealtypus. Das macht sich auch in allen unseren Ansätzen zu einer neuen Jugenderziehung bemerkbar: allenthalben finden wir einen Futurismus ohne kulturelle