Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Restauration
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 352 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Umschau: Jugendbewegung findet, sie ist reaktionär, wenn sie revolutionäres Jugendstreben ablehnt, verhindert, bekämpft. Ein Beispiel und seine Anwendung auf unseren Fall wird M.ßverständnisse erschweren. Die deutsche bürgerliche Jugend von I9i3'i4 war revolutionär, die von 1914 15 vrar reaktionär, weil diese ihrer Klasse glaubte und für sie, für deren Interessen» wenn auch mit Idealen, in den Tod ging, während jene gegen Weltgefühl und Wertung, gegen Kultur und Erziehung, gegen Ideale und Geschäfte ihrer Klasse kämpfte, ja von ihr den, in jener zivilisierten Zeit, bloß bürgerlichen, akademischen, moralischen Tod empfing. Und die Geschichte läßt uns ihre Funktion, einerlei, was sie sagte und zu tun vermeinte, auch als eine sozial revolutionäre erkennen: in ihr vernichtete sich das Bürgertum selbst; eine zwar paradoxe, aber in sozial nichtrevolutionären Zeiten sehr wirksame und übliche Art des Klassenkampfs. Die proletarische Jugend von 1918/19 war reaktionär, soweit sie bedingungslos, amorph in die Parteien eingefügt, ale Praktiken der Führer,, alle reinökonomische Grundeinsteilung, -den Lohnkampf, als Anfang und Ende der Revolution mitmachte; sie war revolutionär, soweit sie um ihre Unabhängigkeit rang, um ihr Recht nach eigener Taktik, nach eigener Wertung, nach Bildung und Umwertung beim Umsturz. Die zionistische Jugend hatte eine Zeit der Auflehnung gegen Vclk und Väter hinter sich, eine — in den Inhalten von der deutschen sehr verschiedene, in der Form klare und ehrliche — revolutionäre Periode: die Anfangszeiten der zionistischen Bewegung. Seitdem aber hat sie eine nur allzu innige Kordialität zwischen ältesten Herren und jüngsten Füchsen «riebt. Und erst 1913 wurde, unterirdisch länger vorbereitet, wieder ein neues Differenzieren von Partei und Offiziösen sichtbar. Man begann, sich auf der Jugend eigene Funktion im Judentum zu besinnen. Die Formeln waren mannigfach, das Grundgefühl, das zu wachsen begann, war das nämliche: wir haben es anders zu machen. Die versuchten Wege waren sehr verschieden, der Grad der Differenz, ihr Umfang sehr unterschiedlich, aber es trieb, den meisten unbewußt, zum gleichen Ziel: Zusammenfassung der Jugend; Aufbau des Volkes, •des Landes durch diese Jugend, im Sinn ihrer Wertungen und ihrer Ideen. Man kann sehr gut verfolgen, wie in diesen Jahren, in allen Organisationen immer mehr Einzelne da sind, die in diesem Sinn wirken, wie sie sich zu sammeln bestreben: Volksheim- Kreis, die um Gerhard Scholem, Kreis Jerubbaal, wie einzelne Vereine sich mehr oder weniger klar zu den neuen Prinzipien bekennen, wie Gruppen im Blau-Weiß (im deutschen und im österreichischen), im Schomer, bei den Turnern, ihre Beziehungen zu den Stammorganisationen lockern und diesen neuen Gebilden sich irgendwie anzuschließen beginnen, wie in allen Gruppen die Überzeugung laut wird, die bisherigen Formen seien veraltet, oder ungenügend, wie man zu reformieren beginnt, oder wenigstens lebhaft darüber spricht, wie schließlich an einem Ort scgar eine neue Organisation entsteht, in der die Revolutionäre maßgebend sind (Zentralverband der jüdischen Jugendgruppen Österreichs). In Österreich war dieser Prozeß schneller, umfassender und deutlicher, weil die bestehenden Organisationen nicht so festgefügt waren, Organisation durch den östlichen Einschlag überhaupt weniger starr, weniger mächtig geschlossen und gewalttätig ist, weil es hier keinen K. J. V, und keine eingewurzelte Blau-Weiß-Tradition gab, weil es schließlich hier keine anti-nationalen Organisationen gab, die zu geschlossenen nationalen Organisationen und zur Anlehnung an die Partei zwangen. Dabei gärte es in Österreich nicht nur in den Organisationen, sondern sie selber waren in Auflösung, vor allem der Blau-Weiß, die Mittelschülerorganisationen und der Wiener Schomer. Es war eine wichtige Stunde der jüdischen Jugendbewegung — denn wäre in Österreich durch die revolutionären Elemente im Zentralverband, die hier durchaus die Oberhand hatten und durch den in dieser Zeit sehr stark und fähig gewordenen Kreis Jerubbaal, der zwar nie eine Organisation war, aber um diese Zeit viel Positives und einiges Dauernde geschaffen hat. die neue Form der Jugend geschaffen worden, so hätten auch die deutschen Organisationen keinen kompromißlosen Widerstand leisten können — als diese Entwicklung durch die Revolution zwar nur auf eine kurze Weile abbrach, aber nicht mehr fortgesetzt werden konnte. Vielleicht erscheint es inkonsequent, wenn hier angedeutet wird, die Revolution hätte die Kraft des revolutionären Elements in der Jugendbewegung gemindert. Und doch ist dies leicht einzusehen. Zunächst, es wurde nur beschleunigt, was sich ohnedies bereits bemerkbar machte. Wo die Träger des „Revolutionären", wenn wir bei diesem Ausdruck bleiben wollen, zu einem „vollen Sieg" gelangt waren, im österreichischen Blau-Weiß, im Wiener Schomer, in einzelnen Studentenvereinen, zeigte sich sehr bald, daß in diesen Dingen die Macht etwas zu tun nicht genügt. Das Neue hatte, von seinen ersten Trägern ausstrahlend, viele in jeder Gruppe ergriffen, hatte manches an ihnen und in ihnen verändert, so weit, daß solche