Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Restauration
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 351 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105538--4210-3105661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
UMSCHAU LEBEN UND BEWEGUNG J UGENDBEWEGUNG *) Restauration Die jüdische Jugend in Mitteleuropa befindet sich im Zustand der Restauration. Das heißt: sie ist nicht Jugendbewegung, sondern sie hat eine aktive Phase, e:ne kurze Epoche der Bewegung und der Bewegtheit abgeschlossen. Und sie ruht in ihren wesentlichen Funktionen. Wie lange, kann niemand wissen. Die Zeit der Ruhe in den tieferen Schichten ist Konjunktur für die OberEäche, darum geht dort ailerhand vor; aber man darf sich und kann sich gar nicht täus:hen lassen. Um den jetzigen Zustand zu begreifen, bedarf es eines kurzen Rückblicks auf die Jahre J9i3 - 1918 19, die einem künftigen Geschichtsschreiber dieser Jugend als revolutionäre, als Bewegungsperiode erscheinen werden. Sie ist Charakter siitt durch Bestrebungen, große Organisationen zu bilden, aus der Vereinzelung der Kreise, Gruppen, Verbindungen, Vereine herauszukommen, Jugend, nicht Jugendliche zu verbünden. Die Gründung der K. J. V., der erste froße Aufschwung des Blau-Weiß in Deutschend, die breite Entwicklung des Schomers in Galizien, die Tagung der Mittelschülervereine in Wien, die Gründung und erstaunlich schnelle Entwicklung des österreichischen B.au- Weiß waren die ersten Symptome in dieser Richtung, alle ein Jahr vor dem Kriegsausbruch ansetzend oder deutlich werdend. Daß sich hier Neues vorbereitete, oder bereits in Erscheinung getreten war, fühlte man auch in den offiziellen Kreisen des Zionismus und man versuchte eine Art erster Auseinandersetzung in der Jugendnummer der Jüdischen Rundschau (Juni oder Juli 1914). Der Krieg unterbrach diese •) Für wesentliche Beihilfe an dieser Umschau danke ich auch an dieser Steile Herrn Gerhard Fuchs. Entwicklung, aber nur für kurze Zeit. Schon 1916 knüpfen die Tendenzen an 1914 an; 1917 ist der Vor jugendtag in Wien, der 1918 zu einer sehr lebendigen — und durchaus als Bewegung gemeinten — Vereinigung aller österreichischen Jugendgruppen führt; zu gleicher Zeit nimmt der neugegründete jüdisch-nationale Jugendausschuß in Deutschland die abgebrochene Arbeit wieder auf. Es war aber keineswegs bloße Fortsetzung, Ein wesentlicher Unterschied ist charakteristisch. Wollten jene ersten Vereinigungsbestrebungen die Gruppen gleicher oder innerlich-ähnlicher Art zusammenfassen, so stellen diese zweiten schon einen — den einzelnen Tätigen zuweilen kaum bewußten* — Fortschritt der Ideologie und des Fühlens dar: alle Jugendgruppeh haben gleiche Funktion im Volk; gegenüber der Idee der jüdischen Jugend verschwinden die an sich wesentlichen Unterschiede zwischen den Gruppen. Das Kriegsende riß diesen Faden ab, wie der Kriegsausbruch jenen. Und die neuesten Vereinigungsbestrebungen sind nicht mehr Symptome der Jugendbewegung, sondern des Gegenstoßes: 2. Studententag in Wien; Studententag in London, Bund zionischer Korporationen (B. Z. K.),v Studententag in JLetpnik, usw. Wofür soll nach unserer Anschauung jenes Einigun^sbestreben der Jugendgruppen ein Symptom sein? Und von welchem Standpunkt; aus wäre es berechtigt, Vorgänge in der Jugend als revolutionär oder als reaktionär zu bezeichnen? Für entscheidend halten wir dabei, ob eine Jugend von Idee und Gefühl einer, ihrer eigenen, Funktion in Volk und Menschheit geleitet wird, ob sie getrieben ist, darnach zu handeln, dazu sich zu organisieren, dafür zu. kämpfen. Oder soziologisch umfassender formuliert: eine Jugend ist revolutionär an sich, wenn sie sich von Volk und Klasse distanziert*, sie ist irrelevant, wenn sie mit ihrem Volk und ihrer Klasse schlechthin solidarisch emp*-