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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 353

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Restauration
Date
1920-01-01
Page
353 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Jüdische Kunst in Kiew und Petrograd 353 Gruppen diese Revolutionäre zu ihren Exponenten wählten; weiter aber konnten die sekundär Erfaßten nicht mit. Die Gruppe wahrhaft umzugestalten war unmöglich. So kamen die neuen Leitungen bald in Krisen-Situationen; sie konnten ihr eigenes Programm auch als Vorsitzende nicht verwirklichen, konnten aber vor sich und der Idee den gegenwärtigen Zustand als Leitende oder Mitbestimmende nicht verantworten. So bereitete sich ein Exodus der Revolutionäre aus den bis zu einem gewissen Grad veränderten, aber an der Grenze ihrer Umwand lungsfähigkeit angelangten Organisationen vor. Und dieser Prozeß wurde durch die Revolution beschleunigt. In Deutschland führte sie das gleiche Endresultat herbei, ohne daß die Zwischenstufen vorher dagewesen wären. Für die vom bürgerlichen Zionismus Distanzierten wurde nunmehr ein klares sozialistisches Bekenntnis selbstverständlich, soweit dies nicht schon vorher geschehen war. Ein Bekenntnis, dem bald auch eine Trennung folgen mußte, da den anderen gerade dies unmöglich schien, und so erhielt die Abneigung gegen das Jugendrevolutionäre Nahrung aus der Angst vor dem Sozialrevolutionären. Der Zionismus erstarkte in den Monaten nach dem Krieg. Sich von ihm distanzieren erforderte also noch mehr Mut als früher, denn es hieß bekämpft werden. Die verschleierte Klassenlage des Judentums ermöglichte allerhand Kapriolen bei den Unentschiedenen; die schwer erfaßbare Eigenartigkeit des jüdischen sozialen Zustandes veranlaßt allerhand Übertreibung bei den Allzuentschiedenen. Indessen kehrten die ä.teren Mitglieder der Jugendorganisationen aus Feld und Gefangenschaft haim; sie waren „jung** geblieben und kehrten auf ihre alten Posten zurück, wie alle „jung gebliebenen" in, allen wahrhaft wesentlichen Jugenddingen reaktionär; die jüngeren, die heimkehrten, waren „reif geworden", mieden die Jugendgruppen und suchten ihre Stelle außerhalb ihrer. AU d es hat die Position der „Reaktion" gestärkt; die der Revolution in der Jugend geschwächt. Und man begann in den neugegründeten Staaten Österreichs zu restaurieren, von den anderen ungestört, weil diese ausgetreten waren, oder worden waren; in Deutschland se'zte man den Schutz vor Revolten um so ungestörter durch, als dort die Revolution nie „gesiegt" hatte, nicht einmal wesentliche organisierte Fortschritte gemacht hatte, sondern immer bei Einzelnen geblieben war, oder Gruppen von nicht eigentlich zu den Jugendorganisationen gehörenden erfaßt hatte, um so ungestörter als die Tatsache des Hapoel-Hazalr manches den anderen leichter machte; (die revolutionierende Wirkung, die er früher oder später bekommen muß — gerade wegen seiner augenblicklich noch verschleiernden Funktion — ist noch kaum bemerkbar; eher gibt es Anzeichen von Rückschritten noch hinter das Niveau der offiziellen zionistischen Jugend zurück). Zwei Erscheinungen sind symptomatisch für diese Restauration, r. Die Verbindungen beweisen, daß sie keineswegs verschwunden oder reformiert sind, sie stellen sogar aufs neue Forderungen; und sind im, Begriff sich wieder zu „bewähren", so ist es deutlich in Deutsch- Österreich, so beginnt es auch, wenn nicht alles täuscht, in Deutschland im Bund zionistischer Korporationen,, der vergnügt von allerhand Stammtischen zu erzählen weiß. 2. Die Jugendorganisationen lehnen sich merklich und bedingungslos an die Partei an, leben, arbeiten von ihr, für sie und wissen sich dieser Ausschließlichkeit nicht genug Ruhms. In Wien, wo die Revolution am stärken war, ist auch die Reaktion überaus lebmdig. Hier sind alle Jugendgruppen nahezu bedeutungslos geworden, gegenüber den Jugendsektionen der zionistischen Bezirksvereine; und in der Tschechoslowakei soll der Blau-Weiß, der eigentlich nicht mehr besteht, zu gleichem Zweck reorganisiert werden, wie in der Selbstwehr zu lesen ist: „Blau-Weiß! Alle böhmischen Bünde werden gebeten, sofort ihre Adressen Untenstehendem mitzuteilen. Es handelt sich um eine Zusammenfassung und Reorganisation der Bünde Böhmens und um Berichte über den deutschen Bundestag. Schalom!" — Schalom! Siegfried Bernfeld BERICHTE VON JÜDISCHEM LEBEN JÜDISCHE KUNST IN KIEW UND PETROGRAD (1918—1930) Als ich im Sommer 1918 Kiew besuchte, fesselten mich zwei Erscheinungen im jüdischen Aspekte dieser Stadt: der Maler Rybak und der Heft s/6, alte Friedhof. Die Bekanntschaft mit den beiden vermittelte der unermüdliche Enthusiast Herr G. E. Gurewitsch. Ohne dessen Bemühungen wäre es mir kaum je gelungen, das Atelier des nur zu bescheidenen Künstlers zu sehen. Rybak ist ein begeisterter Jünger unserer alten Kunst, Er weiß nicht viel von ihr zu erzählen, sie alle, 23

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