Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Briefe zur Vorgeschichte der "Chibath-Zion"
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 329 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105533--4182-3105639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Briefe zur Vorgeschichte der „Chibath-Zion" 329 keit? Wir werden den „einflußreichen Freund" in jenem Kreise zu suchen haben, in dem Salvadors heroischer Gedanke einer jüdischen Weltmission lebendig war. Wahrscheinlicher ist es noch, daß es Heß auf dem Umwege über seinen Freund Speyer, dem Almosenier des Frankfurter orthodoxen Rothschild, gelungen war, Albert Cohn nahezukommen. Er war Lehrer des Hebräischen in der Familie der Pariser Rothschild und hatte als erster das Leben und die Bedürfnisse der palästinischen Judenheit studiert. Fünfmal hatte er zwischen 1854 und 1869 Palästina besucht Er war der erste Jude, der erkannt hatte, daß durch noch so reichliche Spende dem Unheil und der Armut im Lande nicht zu begegnen war. — Josef Hirsch Dünner (1833 zu Krakau geboren) war 1862 von Bonn her zum Rektor des Amsterdamer israelitischen Seminars ernannt worden. Er war zu sehr Ostjude, um an dem philanthropischen Treiben der Männer um den gelehrten und wohltätigen Akiba Lehren Wohlgefallen zu finden. Lehrsam ist in seinem Briefe der Hinweis auf das Amsterdamer jüdische Proletariat. Die Theorie des Abschiebens verdüstert die frühen Anfänge, den fröhlichen Idealismus des neuen Werkes. Ob Dr. Sarphati für den Gedanken gewonnen wurde, konnte nicht festgestellt werden. Handelt es sich um den Arzt und Ökonomen Samuel Sarphati (Jew. Encykl. Bd. XI, 64) — der originelle Rieselfeldsiedelungen durchgeführt hatte —, so konnten sich die Hoffnungen nicht erfüllen: er starb schon im Juni 1866 in seinem 53. Lebensjahre. — 0. Zuntz war ein naher Verwandter von Heß. Aus dieser Familie stammt der berühmte Physiologe Nathan Zuntz. Jedenfalls mußte Paris der Platz sein, von dem aus für Palästina gearbeitet werden konnte. Der besagte Brief des „Israeliten" Lehmann berichtet von einem Plane des dritten Napole'on, der innerhalb seiner planmäßigen Orientpolitik und seines eifervoll verfochtenen Nationalitätsprinzips an sich durchaus denkbar ist. Sollte er in der Tat die wichtigsten Vertreter der französischen Judenheit eingeladen haben, so mußten es die Männer der Alliance gewesen sein: sehr frühzeitig versuchte politisches Interesse die Arbeit dieser Vereinigung auf den Orient und in die französische Interessensphäre zu leiten. Daß eine englische Zeitung die Notiz zuerst brachte, überrascht nicht. In keinetn Volke gibt es wie bei den Anglosachsen so zahlreiche christliche Sekten, die über allen dogmatischen Verschiedenheiten einheitlich den Gedanken festhalten, daß die Rückkehr des Messias die Vereinigung der Juden im heiligen Lande voraussetzt. — Politisch vorbereitet oder politisch uninteressiert: die Alliance mußte erobert werden. Im einzelnen läßt sich noch nicht erkennen, wann und wo der Vorstoß von Heß ansetzt. Aber deutlich wird die Mühe, mit der er die Pläne des Rabbiners von Stuhlweißenburg, Natonek, in die Alliance hineinführt. Die Briefe dieses eifrigen Mannes bedürfen keines Kommentars. Sie ergänzen den Aufsatz, den ich in den Jüdischen Schriften von Moses Heß (Berlin 1905, S. 85—89) aus den Archives israelites 1867 mitgeteilt habe. Jetzt kann das be-