Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 325

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die jüdische Frau in Palästina
Date
1920-01-01
Page
325 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105532--4176-3105635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die jüdische Frau in Palästina 325 Unser Land, als ein Agrar- und Kolonialland, wird die intensivste körperliche Arbeit, begleitet von einem gehörigen Maße gesunden Menschenverstandes, erfordern. Hierbei ergibt sich von selbst eine Teilung der Leistungen und zwar in der Weise, daß die schwersten Funktionen dem Manne, die leichteren der Frau zufallen. Gedeihen kann unsere Arbeit nur, wenn jedes Mitglied der Gemeinschaft bis zur Grenze seiner Kraft mitarbeitet. Das aber bedeutet einen radikalen Bruche mit der Anschauung, daß der Mann zum Arbeiten bestimmt, die Frau zum Nichtstun berechtigt sei. Es bedeutet eine Ausdehnung der weiblichen Arbeit auf alle jene Wirtschaftsgebiete, denen ihre Körperkraft gewachsen ist: auf Garten, Stall, Scheune, Vorratskammer — fast laut,er Arbeitsgebiete, die sie dadurch veredeln und verinnerlichen kann, daß sie den ihr zur Pflege übergebenen lebendigen Wesen mit Verständnis und Liebe begegnet. Ferner: dem Siedler wird das harte und mühsame Leben, das ihm in unserem Lande bevorsteht, unerträglich sein, wenn er nicht — neben der größeren Volksgemeinschaft, für die er kämpft — eine eigene Häuslichkeit besitzt, aus der ihm ein Echo seiner eigenen Ziele und Hoffnungen entgegenschallt, in der sein Wille zur Gerechtigkeit durch seinen Willen zur Schönheit ergänzt wird. Das aber wird er nur dann finden, wenn die Frau bereit ist, das Haus als den Mittelpunkt ihres Wirkens anzusehen, wenn sie es vermag, alles, was dieses Haus enthält und wovon es umgeben ist, mit Liebe zu umfassen. Wenn wir — wie manche Männer und Frauen wollen — den Einzelhaushalt auflösen, so wird vielleicht eine Weile lang die Arbeit von Männern und Frauen sehr rationell verteilt werden können — aber die ganze Gemeinschaft wird binnen kurzem an innerer Freudlosigkeit, an einem Mangel an. Intimität zugrunde gehen.- Endlich: eine Stätte wahrhaft sozialer Gemeinschaftsbildung wird unser neuer Jischub nur dann werden, wenn jeder einzelne sich zu ernster Selbsterziehung aufgerafft haben wird. Trotz der schönsten sozialen Staatsreformen wird unser Land niemals eine Erfüllung unserer Wünsche werden, wenn diese Reformen nur Resultate praktischer Erwägung, nur von außen auferlegte Gesetze sind und nicht aus tiefem seelischen Bedürfnis der einzelnen Individuen nach Gerechtigkeit und Nächstenliebe erwachsen. Wie wenig eine von außen auferlegte soziale Gesetzgebung zu wirken vermag, wenn sie nicht ein Echo im Herzen eines freien, arbeitsfrohen und humanen Volkes findet, das lehrt uns das Rußland unserer Tage. Eine wirklich soziale Reformation aber kann sich nur in den kleinen Kreisen anbahnen, die den aufwachsenden Menschen am engsten umschließen. Wenn in diesen Kreisen wahrhaft mütterliche Frauen herrschen, so wird die Kraft ihrer Mütterlichkeit in dem jungen Geschlecht mehr Menschenliebe und damit mehr Gemeinschaftssinn pflanzen, als alle öffentliche Jugenderziehung, als alle theoretische Morallehre es vermag. Nicht in der Schule und nicht auf der Straße, sondern im engen Kreise der Familie muß die soziale Umgestaltung der Welt sich anbahnen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.