Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die jüdische Frau in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 324 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Helene Hanna Cohn: art sind von Grund auf verschieden und infolgedessen sind ihre Aufgaben in der Welt nicht die gleichen. Gleichheit besteht im Maß ihrer Verantwortlichkeit für den Zustand ihrer Gemeinschaft — der Inhalt ihrer Pflichten gegen diese Gemeinschaft unterscheidet sich voneinander. Wir hatten uns klargemacht, daß man zu jener Auffassung zurückgekehrt ist, die den Mann mit allem, was zu ihm gehört — mit seiner Familie und seinem Beruf —, in eine direkte Beziehung zum breiteren Kreise: dem Volk, der Menschheit setzt, während die Frau verantwortlich ist für den angestammten oder ger wählten kleineren Kreis von Wesen, auf den sie direkt einwirkt, während sie nur indirekt — durch ihre Gestaltung dieses Kreises — mit der breiteren Gemeinschaft verbunden ist. Kehren auch wir zur Anerkennung dieser Unterschiede zurück, so ergibt sich für uns als männlicher Idealtyp der Bürger, der sich, sein Haus und sein Werk bewußt den Gesetzen unterordnet, die dem Volk, dem er angehört, die höchste Entwicklung verbürgen. Als idealer Frauentyp ergibt sich der, den das jüdische Volk von den Tagen der biblischen Stammutter bis zu jenen der Glückel von Hameln in höchster Vollendung hervorgebracht hat: die Mutter. Diese ideale Mutter ist nicht eine Frau, deren Leib Kinder gebiert, während ihre "Seele unerschüttert bleibt. Mutter in diesem Sinne ist vielmehr die, deren Sorgfalt sich auf die größten wie auf die kleinsten, auf die innerlichsten wie auf die körperlichsten Dinge erstreckt, die von Einfluß auf die Entwicklung des ihr anvertrauten kleinen Kreises sind. Als Mütter in diesem Sinne werden auch unverheiratete und kinderlose Frauen wirken können. Nicht was eine Frau tut, sondern warum sie es tut, wird den Grad ihrer Mütterlichkeit verraten; ob der Motor ihres Wirkens irgendeine gedankliche * Vorstellung ist oder vielmehr ein tiefes Gefühl für die Menschen ihrer Umwelt und die sie umgebenden Dinge. Die wahrhaft Mütterliche wird — was auch immer ihr Beruf ist — den Wunsch haben, einen kleinen Kreis von Wesen um sich zu schaffen, den sie direkt beeinflußt und dessen Gestaltung sie als ihre vornehmste Pflicht gegenüber der Gemeinschaft empfindet. Diese wahrhafte Mutter aber wird aus der wahrhaft Jungfräulichen auferstehen, die mit der Kraft ihres weiblichen Gefühls die Kraft des männlichen Verstandes ergänzt, die den bewußteren Mann über sich selbst hinaushebt, ihm den Glauben an etwas jenseits der Vernunft Stehendes, ihm das Streben nach künstlerischer Vollendung des Lebens einflößt. Solche Jungfräulichkeit und solche Mütterlichkeit aber entsteht nur durch Überwindung des Ich mit allen seinen Trieben und Gelüsten. Für unsere neue Gemeinschaft ist es unerläßlich, daß wir zu dem Typ * der Mutter zurückkehren, nicht zu jener hausbackenen Familientochter und Hausfrau, deren Geist in der Technik ihrer Arbeit erstickt, sondern zu jenem durchgeistigten, bei aller Schlichtheit heroischen Muttertyp, den unser Volk besessen hat, bevor Erschlaffung der Herzenstriebe an seine Stelle die Spießbürgerin, die Hetäre oder die Geschlechtslose setzte.