Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 323

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die jüdische Frau in Palästina
Date
1920-01-01
Page
323 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105532--4174-3105633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die jüdische Frau in Palästina 323 Noch-nicht-Hebräer mit Verachtung herabzusehen und die an allem, was nicht auf die gerade herrschende Gedankenwelt eingeschworen ist, die bei ihnen die Stelle eines selbständig fühlenden Herzens vertritt, zerstörende Kritik üben. Zwischen ihnen steht jene Schar von Mädchen," die mit einer unbestimmten Sehnsucht herumgehen und nie den Entschluß fassen, sich ganz einer Arbeit hinzugeben. Das sind die, welche sich in den einfachen Verhältnissen des Landes „langweilen" und ins Ausland streben, wo sie mehr „Anregung" (d. h. in Wahrheit Ablenkung von jeder ernsthaften Arbeit) finden. Die sind es, welche allerhöchste sittliche Ideale vertreten und doch gleichzeitig ihre Frauen- und Stammeswürde so wenig zu wahren wissen, daß sie von den ersten Tagen der englischen Besetzung äes Landes ab den Annäherungsversuchen der englischen Offiziere und Soldaten bereitwillig entgegenkamen und dadurch sicherlich ihr Anteil Schuld daran tragen, daß die englische Besetzungsmacht der jüdischen Bevölkerung Palästinas die beanspruchte Achtung noch vorenthält. Wohl gibt es auch eine Reihe von Mädchen und Frauen mit tapferem Herzen und gesundem Verstand, die ihr Werk treu erfüllen oder erfüllen würden, wenn sie mit den notwendigen Kenntnissen ausgestattet und an den richtigen Platz gestellt würden. Aber ihre Zahl ist verschwindend gegenüber der Zahl jener, die ihre Pflicht verkennen und versäumen. Wäre dem anders, so hätte die Kriegszeit den palästinensischen Frauen genug Gelegenheit geboten, Hilfswerke und soziale Reformen zu schaffen und im kleinen Kreise jenen Geist der Nächstenliebe zu pflanzen, aus dem eine soziale Reform erblühen kann. Von solchem weiblichen Wirken aber meldet kein palästinensicher Bericht. Dieses Versagen unserer Frauen hätte uns schon längst als einer unserer gefährlichsten Übelstände auffallen müssen, aber in einem allzu großen und selbstgefälligen Vertrauen auf die Richtigkeit unserer Instinkte haben wir, mit vielem anderen, auch die Unzulänglichkeit unserer Frauen einfach hingenommen und darauf gewartet, daß sie sich „von selbst" zu wertvolleren Menschen der Gemeinschaft entwickeln sollten. Nun, da eine Kette böser Erfahrungen uns bereits darüber belehrt hat, daß unsere kulturellen, ja sogar unsere einfachsten wirtschaftlichen Hoffnungen auf Palästina sich nur erfüllen können, wenn jeder — Mann oder Frau — sich selbst von Grund auf umgestaltet, wird es höchste Zeit, darauf zu sinnen, in welcher Richtung die Umgestaltung unserer Frauen sich vollziehen muß und mit welchen Mitteln ihr die Wege geebnet werden können. Wir hatten zu Beginn unserer Ausführungen darauf hingewiesen, wie nach jener kurzen Epoche der radikalen Frauenbewegung, die über die Verschiedenheit männlicher und weiblicher Geistesart hinwegsah und ihr Streben darauf richtete, den Geschlechtern gleiche Rechte zu verschaffen, sich aufs neue die Überzeugung Bahn gebrochen hat: Mannesart und Weibes- 21*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.