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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 320

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die jüdische Frau in Palästina
Date
1920-01-01
Page
320 (sequence 4)
Language
German
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320 Helene Hanna Cohn: ihrem Leben alle diese verschiedenartigen Forderungen mit besonderer Schärfe wider. In den breiten Schichten unseres Volkes ist der vorherrschende weibliche Typ noch immer derjenige der Frau, welche niemals daran denkt, ihren Willen über den Rahmen ihres Hauses und ihrer Familie hinaus auf irgendwelche idealen Ziele zu lenken. Dieser Typ der kleinbürgerlichen, beschränkten Hausfrau erhält bei uns höchstens dadurch eine besondere Variante, daß die Hausfrau vielfach gleichzeitig ein Geschäft oder einen Handel versieht. Bei diesen Hausmüttern unseres Volkes macht sich in höherem Maße als bei den Hausfrauen anderer Völker eine allgemeine Erschlaffung des Willens geltend. Auch bei den kleinbürgerlichen nnd proletarischen Frauen anderer Völker zeigt sich vielfach eine psychische Erschöpfung; bei unseren Frauen hat die Enge und Not des Goluslebens, hat die Ermattung durch viele Schwangerschaften und dfe Überbürdung mit Sorgen um Haus und Kinder in noch höherem Maße zu einer Erschlaffung der Willenskräfte geführt. Mag sein, daß die in weiten Kreisen unseres Volkes bestehende Sitte, Söhne und Töchter, ohne Rücksicht auf ihren eigenen Willen, nach Gesichtspunkten, die keineswegs solche der Rassenveredlung sind, miteinander zu verbinden, Mitschuld an dieser Erschlaffung hat. Eine Frau, die niemals die seelische Hochspannung des Liebens und Geliebtwerdens erfahren hat, die aus praktischen Erwägungen heraus an irgendeinen Mann verheiratet wird, der ihren Sinnen und ihrer Phantasie keinen Reiz bietet, oder dem sie nicht begehrenswert erscheint, mag von vornherein unlustiger zur Führung ihres Haushalts und zum Gebären von Kindern sein als ihre begehrte und begehrende Schwester, und diese Unlust wird sich auch auf ihre Kinder vererben. Vielleicht ist eine weitere Fojge dieser Unlust der mangelnde Schönheits- und Kunstsinn unseres Volkes, der sich im Fehlen jeder Volkskunst äußert. Neben äußerer Not ist auf diese seelische Enge der vernachlässigte Zustand so vieler jüdischer Haushaltungen zurückzuführen. Man sieht ihnen auf den ersten Blick an, daß hier unfrohe, träge, in ihrem Schönheitssinn verkümmerte Frauen walten. Man spürt es an den aus ihnen hervorgegangenen Kindern, daß deren Erzieherinnen keine Kraft zur Selbstzucht und damit zur Disziplinierung anderer Wesen besitzen. Neben diesen unfrisch und träge an ihren Pflichten tragenden Jüdinnen finden wir einen anderen Frauentyp, dessen Entstehung auf die Zeit zurückgeht, da dem Juden die Ghettotore geöffnet wurden und ihn in eine neue Welt entließen, gerade in dem Augenblick, als die Botschaft von den gleichen Rechten aller Menschen durch die Welt flog. Diese Botschaft aufnehmend und verkennend, daß es im Grunde nicht um größere Vorfechte, sondern um höhere Pflichten für die Frau ging, richtete die Jüdin ihr Streben auf eine Teilnahme an allen Gebieten männlichen Tuns. Aus dem Extrem einer Verkümmerung im engsten Arbeits- und Ideenkreise verfiel sie in das andere völliger Ungebundenheit. Mit dem Rahmen des Ghettos sprengte sie zugleich den des Hauses und der Familie und fast in allen Fällen gleichzeitig damit

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