Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die jüdische Frau in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 319 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Frau in Palästina 319 äußerlich dahin verstanden, daß es das Recht der Frau sei, alle Chancen, die der Mann im Berufsleben hat, auch für sich auszunutzen. Diese Auffassung weiterentwickelnd, begann die Frau, nach möglichst „männlichen" Rechten- - zu streben, nach männlichen Berufen, männlicher politischer Betätigung, und auf diesem Wege gelangte sie zur Forderung gleicher Erziehung und Bildung für Mann und Weib. Das Streben nach Gleichberechtigung übertrug sich dann auch auf den Genuß des Lebens und erstreckte sich bei gewissen extremen Fordererinnen gleicher Rechte auch auf Gebiete, die schon den Mann zu einem materiellen Genießertum verführen, der Frau aber noch übler anstehen. Ganz allmählich und nach vielen harten Erfahrungen erst begannen Frauen einzusehen, daß es eigentlich nicht um die Forderung gleicher Rechte, sondern um diejenige eines gleichen Maßes von Pflichten gegenüber der menschlichen Gemeinschaft geht und daß diese Pflichten — entsprechend einer naturbedingten und unabänderlichen Verschiedenheit männlicher und weiblicher Art, durch die der Menschheitsgeist erst vollkommen wird — für die beiden Geschlechter auf verschiedenen Gebieten liegen. Seit kurzer Zeit erst ist in der Frauenbewegung die Überzeugung wiederum zum Siege gelangt, daß Frauenarbeit um so wirkungsvoller wird, je mehr sie vom Gefühl für die einzelnen Wesen ausgeht. Man ist wieder dahin ge^ langt, die Tätigkeit der Frau als eine karitative Tätigkeit aufzufassen, gleichviel ob sie sich in einem wissenschaftlichen, technischen oder einfach dem Beruf der Hausfrau und Mutter äußert. Zusammen mit dieser Auffassung, die mehr nach der Quelle als nach der Form fragt, hat man aufs neue begonnen, das Wirken der ihrem angestammten Kreise, der Familie oder der selbstgewählten Hausgemeinschaft dienenden Frau zu schätzen und seinen Wert dem Wert der Männerarbeit gleichzusetzen. Man hat einzusehen begonnen, daß diese Arbeit um so ersprießlicher, in um so höherem Maße ein Kulturwerk ist, je mehr sie mit Sinn und Verstand durchdrungen wird. Die Forderung nach besserer Geistesbildung der Frau beibehaltend, die eigentlich der Frau zu gleichen Chancen im Wirtschaftskampf verhelfen sollte, ist man dazu gekommen, in einer vertieften Bildung das Mittel zu sehen, das die Frau befähigt, auch im engsten Rahmen sinn- und wertvolle Arbeit zu verrichten. Noch ist diese Erkenntnis keineswegs überall durchgedrungen; noch finden sich neben ihr vermoderte Vorurteile, die der Frau jedes selbständige Denken verwehren, sie gewaltsam von bestimmten Arbeiten und Pflichten ausschließen wollen. Noch findet sich auch Festhalten an der Forderung unbedingter Gleichheit der Rechte für die Geschlechter, die eine Verschiedenheit der männlichen und weiblichen Veranlagung nicht sieht oder nicht sehen will. Aber es zeigen s^h bereits Ansätze zu einer fruchtbareren Frauenerziehung. In diesem Kampfe der Meinungen und Zeitströmungen steht die Jüdin,, und bei der scharfen Ausgeprägtheit des jüdischen Wesens spiegeln sich in