Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus einem jüdischen Kinderheim
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 316 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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3i6 Siegfried Bernfeld: Aus einem jüdischen Kinderheim nicht gelöst wurde. Durch zwei Faktoren kann eine Jugendgemeinschaft, und das ist eine Schule oder sie ist überhaupt nichts Wesentliches, in den groben äußeren Gestaltungseigenartigkeiten zur jüdischen Erscheinung werden. Durch die hebräische Sprache (übrigens in einem gewissen Sinn auch durch die jiddische) und durch jüdische Rhythmen und Symbole. In dieser Beziehung haben Sabbatfeier, die Feste, ja selbst Besonderheiten der Tracht und der Verkehrsformen, schließlich selbst Blau-Weiß und Magen-Dawid ihren spezifischen Wert, Rang und Platz. Nur darauf kommt es aber an — und ganz entscheidend —, ob diese Formen und Symbole Ausdruck lebendigen Fühlens und Verhaltens sind. Es ist erzieherisch höchst gefährlich, hier von außen nach innen wirken zu wollen, also Formen und Symbole einzuführen, und wäre es auch in der Hoffnung, daß sie nach innen Einstellungen, Gefühle und Verhaltungsweisen erzeugen würden. Gerade dieser überaus problematische und gefährliche Weg wird aber im zionistischen Erziehungswesen ganz allgemein gegangen. Wir haben ihn vermieden. Und ich glaube, gerade darum hätte sich Stil in Baumgarten, entwickelt, kindlich-jugendlicher und jüdischer, wenn ihm nur Zeit geworden wäre zu wachsen. Der hebräische Sprachunterricht könnte, seinen Möglichkeiten nach, viel mehr sein als grobe äußere Form, als Rahmen des Jüdischen. Er kann bildend für die innere Form der Schule, des Lebens in ihr werden. Er kann zugleich weitester und tiefster Inhalte-Vermittler, ja -Schöpfer sein. Bei uns war es nicht so. Die Kinder lernten Hebräisch; viel und im allgemeinen gern; sie haben auch genügend erlernt, und es wäre der Augenblick abzusehen gewesen, in dem von den Kindern aus das Hebräische hätte Umgangssprache werden können. Und das ist viel. Aber an der Aufgabe gemessen, die gerade diesem Unterricht an einer jüdischen Schule zukommt, viel zu wenig. Das Hebräische war bei uns fast völlig „Schul"sache. Darum war seine seelische Bedeutung gering. Die beiden Lehrer des Hebräischen müssen leider als die am meisten atrophierten, blutleersten Organe unseres Lehrkörpers bezeichnet werden. So gewissenhaft ihr Tun, so unermüdlich ihr Eifer, — gerade sie, die menschlich die Mittelpunkte hätten sein sollen, waren als neue Erzieher gänzlich unzulänglich. Sie wußten es ganz und gar nicht anders, als daß man „unterrichte**, und zwar zu seiner Stunde, in seiner Klasse. Außerunterrichtliche Beziehungen fanden sie zu den Kindern wenig oder auch gar nicht. So wurde den Kindern keine andere Leidenschaft für Hebräisch, kein anderer seelisch-affektiver Motor, als eben die berühmte Katze zu geben vermag, die auf den Tisch oder das Fenster springt und die Milch des Knaben Moscheh, Dawid oder Schimon trinkt, als der Hund der bellt, der Vogel der einen Schnabel hat, während die Mutter mit dem Kinde singt. Und es blieb ihnen ein ewiges Rätsel, warum die Kuh wo ist? im Kuhstall, und niemals auf der Wiese. Und wären nicht die Wirkungen des anderen Unterrichtes, wären nicht die Freitag-Abend-Feiern,