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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 315

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Aus einem jüdischen Kinderheim
Date
1920-01-01
Page
315 (sequence 7)
Language
German
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Aus einem jüdischen Kinderheim 315 Palästina, alles im Zusammenhang mit den allgemeinen Fragen, und ausgehend von der Kinder eigenen Erlebnissen in Baumgarten und anderswo, sie mit diesen Realitäten, das Fremde und Ferne apperzipieren lassend. Vor der nahen Gefahr, von den Kindern nicht verstanden zu werden, waren wir geschützt; denn wir hielten keine Vorträge, sondern unterredeten uns in des Wortes strengstem Sinn mit ihnen. Vom dritten genannten Gebiet jüdischer Inhalte kann ich nicht hoffen, in in den wenigen Zeilen, die mir hier zu Gebote stehen, jenem Klares und Förderndes, zu sagen, der nicht ähnliche Gedanken verwirklicht oder gehabt hat Kinder haben im allgemeinen ein beträchtliches Interesse für die Beobachtung und Erklärung seelischer Erscheinungen. Eine Erfahrung, auf die Berthold Otto nicht müde wird hinzuweisen und die wir bei unseren Kindern bestätigen konnten. Wir haben oft, vor allem mit den Älteren, über all das Gesprochen, was in Geist und Seele des Menschen vorgeht, wenn er denkt, fühlt, will, handelt, träumt. Und dies ist der richtige Weg, um das Verständnis für tausend Dinge und Beziehungen des sozialen, kulturellen, politischen und nationalen Geschehens freizumachen. Es gehört dies, da es sich um jüdische Menschen handelt, die so sehen lernen und an denen so zu sehen ist, zum jüdischen Unterricht, aber ich muß mir es versagen, diese Behauptung näher zu begründen und ihre allgemeine Bedeutung für die jüdische und jede Erziehung zu erörtern. Nur an zwei Tatsachen aus dem Baumgartner-Leben sei erinnert. Alle Sabbatvormittage versammelten sich die meisten Kinder von etwa 10 Jahren aufwärts — es geschah dies völlig freiwillig — zur Unterrichtsstunde, die ihnen der sonst bei uns nicht tätige Dr. Joel Obermann hielt; und mit lebhafter Teilnahme, nicht selten mit Erschütterung der Kinder, wurde da der wie mir scheint erstmalige Versuch gemacht, „Religion" psychologisch und didaktisch zulänglich zu lehren: Religion als Selbstbeobachtung, Erklärung, Weiterung und Wertung der sittlichen und religiösen seelischen Phänomene, wie sie primitiv und angedeutet in jedem Kinde sich vollziehen. Es ist zu hoffen, daß Dr. Obermann Gelegenheit gegeben sein wird, seine Versuche fortzusetzen und zu einer wirklichen Didaktik des „Religionsunterrichts" auszubauen. An den Freitag- Abenden hatte zwischen Bibelvorlesung und Gesang und Scherz eine Ansprache ihre Stelle, an der, meistens von mir, in ähnlichem Sinn, gewöhnlich in Anknüpfung an konkrete Geschehnisse des Schullebens, Imponderabilien des seelischen, des sozialen Lebens der Kinder, ethisch gewertet, besprochen wurden. Manche grundsätzliche und spezielle Bemerkung von Fr. W. Foersters »Jugendlehre" half dabei; aber ich habe den Eindruck, als wären diese Ansprachen weder mir noch den anderen in zulänglicher Weise gelungen. Inhalte müssen Form werden. Eine Schule kann nicht dadurch jüdisch werden, daß sie auch jüdische Inhalte vermittelt, sie muß es in ihrer Gestalt sein. Von hier aus ergibt sich ein Problem, das in der westlichen Diaspora vielleicht überhaupt nicht zu lösen sein wird, jedenfalls bei uns

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