Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus einem jüdischen Kinderheim
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 317 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Helene Hanna Cohn: Die jüdische Frau in Palästina 317 Kwuzoth, Histadruth und Feste gewesen, so hätte die Schule gewiß nicht einen Funken jüdischen Geistes bewahrt und entfacht. Weil aber unsere Erziehung auf den Affekt gebaut ist, auf seine Erkenntnis und seine Gestaltung, so ist, trotz aller Mängel und Unzulänglichheiten dieser Erziehung, ein Stück Judentum in jedem Kmde frei geworden, das so leicht keine künftigen Erlebnisse wieder zuschütten, es sei denn, sie zerstörten zugleich alles in den Kindern so wunderbar und dennoch selbstverständlich aufgeblühte Menschliche. HELENE HANNA COHN / DIE JÜDISCHE FRAU IN PALÄSTINA Wenige Wochen vor Kriegsausbruch erschien eines Tages im Palästina- Amt in Jaffa ein soeben mit dem Schiff angekommener Einwanderer, um sich für die Gestaltung seines Lebens im Lande Rat zu holen. Nachdem er angegeben hatte, daß er eine Berufsausbildung und 2000 Franken Vermögen besäße, verheiratet wäre und als Landarbeiter tätig sein wollte, um später selbst ein kleines Anwesen zu übernehmen, wurde er gefragt, ob seine Frau imstande wäre, ihm bei der Arbeit zu helfen. Hierauf erwiderte der Mann fast entrüstet: „Meine Frau? die will ja an der Jerusalemer Universität studieren!" Diese kleine Episode sollte als ein Menetekel über allen Programmen palästinensischer Mädchenerziehung stehen; bildet sie doch ein typisches Beispiel für die Umkehrung sozialer und kultureller Begriffe der dem Golus Entstrebenden. Könnte man sich bei irgendeinem anderen Volke der Welt eine Proletarierfrau vorstellen, die ihren Gatten in ein Kolonialland begleitet — nicht um ihm bei seiner Arbeit zu helfen und ihm und ihren Kindern das Haus wohnlich zu machen, sondern um ihn mit seiner produktiven Arbeit allein zu lassen und hinzugehen, um (von seinem Arbeitslohn?) zu „studieren"? Bei näherem Zusehen verwandelt sich diese kleine Groteske in ein Symptom des Zeitgeistes, des jüdischen Geistes unserer Zeit. Und zwar in eines, das uns an der Erfüllung unserer Zukunftshoffnungen fast könnte verzweifeln lassen. In allen gesunden, entwicklungsfähigen Völkern finden wir ein stark ausgeprägtes Gefühl für die seelische und intellektuelle Verschiedenheit von Mann und Weib und daraus entspringend eine scharfe Trennung zwischen den Arbeitsgebieten der Geschlechter. Am deutlichsten zeigt sich diese Trennung bei allen Koloniegründungen; bei ihnen, die auf der Grundlage der primitivsten und zugleich der produktivsten Arbeiten entstehen, treten