Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus einem jüdischen Kinderheim
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 314 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105531--4163-3105624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
314 Siegfried Bernfeld: sucht wurde. Und es hat sich uns in der Erfahrung durchaus bestätigt, daß die Bibel das Buch für Kinder ist. Ich meine, daß sie alles enthält, was dem Kinde an Phantasie, Affekt und Wissenswertem gemäß ist, daß die Weltanschauung der erzählenden Bücher, ihr affektiver Hintergrund, selbst ihre Darstellungsweise und Poesie, kindgemäß ist — freilich nicht nur kindgemäß. Und man könnte sich eine Schule denken, in der statt der Fülle seichter oder auch tiefer Märchen, Legenden, Jugendschriften-die Bibel die einzige immer wieder gelesene, immer wieder erzählte, immer wieder dargestellte Lektüre wäre. Dies hätte freilich zur Voraussetzung eine Bibelausgabe, die im einfachen Wortsinn den Kindern verständlich wäre (und die etwa auch die in der Bibel unterdrückten Sagenkreise und Fassungen mitberücksichtigte.) Wir versuchten es mit den verschiedensten Übersetzungen. Was nützt aber alles, wenn die Kinder nicht wissen, was ein Vogt ist, nicht wissen, was eine Witwe ist! So haben wir uns später entschlossen die Bibel nicht vorzulesen, sondern zu erzählen. Dies geschah in eigenen Bibelstunden, im Deutschunterricht und an den Freitag-Abend-Feiern. Was die Bibel für die Kleinen war, hätte die jüdische Geschichte für die Großen sein sollen. Aber es zeigte sich, daß ihnen die Bibel unbekannt war. So wurde auch für sie die Bibellektüre zum hauptsächlichsten Inhalt der jüdischen Geschichtsstunden und mancher Deutschstunde. Die Vorlesung am Freitagabend hatten sie mit den Jüngeren gemeinsam. Für die Kleineren (bis zum 10. Jahr etwa) war das Erzählende, die Fabel, das Wesentliche dieses Unterrichtes, für die Größeren (bis 15 Jahre etwa) waren es die Personen, Gestalten, Schicksale. Pragmatische Geschichte, also eigentliche Historie, fand nur bei den Ältesten Interesse und Verständnis und wurde auch nur ihnen gegeben. Alle diese Kenntnisse aber, auch wenn sie affektgetränkt wären, genügen nicht für den Begriff einer jüdischen Bildung, auch dann nicht, wenn man darunter lediglich ein intellektuelles Phänomen verstände. Man könnte mit dem Wort jüdische Gegenwartskunde die Inhalte decken, die wir hier meinen. Eine klare Vorstellung vom sozialen Aufbau des Judentums, seinen Entwicklungstendenzen in die Zukunft; eine Ahnung, mindestens, vom kulturellen Zustand und seinen Möglichkeiten; Palästina, die jüdische Politik, all dies ist nötig den Kindern, oder in seiner Gänze wenigstens, den Jugendlichen lebendig zu machen, zur Wertung zu bringen. Wir haben dies versucht in den Kwuzoth, in Einzelbesprechungen und schließlich auch in den Geschichtsstunden. Aber solche Betrachtungsweise und diese Inhalte sind nicht isoliert zu geben, sondern sie müssen in ihrem Zusammenhang mit den politischen und sozialen Problemen zur Sprache, Klärung und Wertung gebracht werden. Die älteren Kinder, insbesondere die Knaben, hatten ein sehr lebhaftes und spontanes Interesse an diesen Fragen. Wir lasen mit ihnen die Zeitung und führten im jüdischen Unterricht und außerhalb seiner manches Gespräch über Berufsschichtung, Wirtschaft der Juden, über ihre kulturelle, gesellschaftliche Lage, über Antisemitismus, die Politik des Judentums, Zionismus,