Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus einem jüdischen Kinderheim
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 313 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus einem jüdischen Kinderheim 313 geistige Not der Kinder und der Lehrer mindestens Versuche dieses so überaus Nötigen gezeitigt. Wir selbst waren im Begriffe solche Erst-Versuche zu machen und hätten ein zweites Jahr in Baumgarten nicht mehr in so völliger Mittellosigkeit begonnen. Von dem am weitesten Gediehenen, das hierher gehört, sei einiges erwähnt: Der Werkstätte, dem werktätigen Wollen der Kinder, den mannigfachen Zweigen des Arbeitsunterrichtes, wollten wir die ersehnte Sinnlichkeit geben, indem wir in einer Art Spielzeugfabrik einen Teil all dessen vereinigen wollten. Ein Plan, der überdies eine Möglichkeit gegeben hätte, auch einen Künstler und einen Werkmeister organisch mit unserer Schule zu verknüpfen. Unsere Spielzeugfabrik hätte nämlich Neues, eben unser Spielzeug, unsere Lehrmittel, geschaffen. Es ist aber kein Zweifel, daß sie über den Rahmen des Kinderheims hinaus wirksam geworden wäre. Ferner arbeiteten einige von uns an einer Kinderbibel in deutscher Sprache, kindgemäß erzählt, aber wahrhaft kindgemäß, an den Kindern erprobt, unter Zugrundelegung ihrer eigenen Erzählungen, nicht im bekannten Ton: „Für unser Herzenskind", der läppisch und nicht altersgerecht ist, kindgemäß illustriert, ebenfalls an den Kindern erprobt und unter Benützung ihrer z. T. unvergleichlich wertvollen Darstellungen zu biblischen Themen aus dem Zeichenunterricht. Ich hoffe, daß es gelingen wird, den beiden Lehrern (Wilhelm Hoffer und Mely Masaryk), die damit befaßt waren, auch jetzt noch die Möglichkeit zu geben, ihre Arbeit demnächst zu vollenden. Und schließlich Texte für Theater und Pantomimen. Nicht weniger als dieser sachliche Mangel hinderte uns der persönliche. Nicht alle unsere Lehrer hatten die kenntnismäßige Voraussetzung für solchen Unterricht, wie er uns vorschwebte. Gewiß taten alle, was in ihrem Vermögen lag, um den Unterricht im Außerjüdischen durch selbstverständliche Verknüpfung mit jüdischen Inhalten zu tingieren. Wir sahen aber bald, daß es besser ist, keine solchen Versuche zu erzwingen — so sehr dieselben freilich nach dem üblichen zionistischen Geschmack wären — und Naturgeschichte, Geschichte, Geographie und Deutsch bleiben zu lassen was sie sind, wenn nicht im Lehrer selbst die organischen Verknüpfungen und Perspektiven vorhanden sind. Darum haben wir nur bei einigen Lehrern Stunden gehabt, in denen etwa unvermittelt aus der d.-ö. Staatsbürgerkunde ein Stück Prophetengeschichte, die Geographie Nordafrikas der unermeßliche Erdenhintergrund für jüdisches Werden und Leiden wurde, die deutsche Literatur gesehen war durch ein, selbstverständlich, und darum auch vielleicht gar nicht deutlich als solches erkanntes, jüdisches Auge. So mußte der spezielle jüdische Unterricht zu ersetzen versuchen, was der allgemeine nur mangelhaft leistete. Er erfolgte bei uns in drei Fächern: Bibel, jüdische Geschichte und in einem Art ethischen Kursus, der keinen Namen hatte. Die drei oben genannten Gebiete flössen dabei mehr weniger *n eins zusammen. Für die Kleineren war die Bibel die einzige Substanz, *n der ihnen jüdische Vergangenheit und Kultur lebendig zu machen ver-