Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus einem jüdischen Kinderheim
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 312 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Siegfried Bernfeld: Galizien waren'' zusammenhing: das Jüdische als das selbstverständlich Bejahte der Zeit, wo noch liebende und geliebte Personen sie umgaben; darüber, bei manchen bereits wuchernd, bei vielen sich eben ansetzend, als Bestandteil der bewußten, egoistischen, gegenwärtigen Affektsphäre, aus der das Jetzt „Engerthstraße", „Nikolsburg" und alles Elend, alle Not in der liebeleeren Seelenwüste sich aufbaute: das Assimilatorische — um es mit diesem ipißdeuteten Wort zu nennen. Die Kinder waren unterwegs, menschlich antisozial — national antijüdisch zu werden: weil niemand sie erzog nach den „neuen Prinzipien", d. h. niemand ihnen Liebe und Geliebtwerden bot. Und da war nur eine Möglichkeit: durchzudringen zur verschütteten Sphäre, aber nicht mit Worten, Erklärungen und Ermahnungen. Da hilft kein Erwachsenen-, Erzieher- und Wohltätertantenhochmut mit vorgehängtem blauweißen Dawidschild und einem jovialen Schalom. Da nützen und wirken keinerlei Mittelchen. Sondern da steht die große Alternative jeder Erziehung und Bildung, vor der nur ein Wagen und Hoffen bleibt. Werden die Menschen, die in der neuen Umgebung der Kinder sind, die Reste des verschütteten Affektlebens an sich knüpfen können? Das heißt, werden sie die Kinder so lieben und von ihnen so geliebt werden, daß die neuen Affekte ähnlich den vergessenen sind, daß in ihnen wieder die erste Kinderliebe aufwachen kann, daß sie an sie anknüpfen können? Nur wenn dies gelingt — aber dies Gelingen kann nicht vorausbedacht, erzwungen, es kann nur erhofft und gewagt werden —, ist zugleich das Jüdische mit zu retten. Und es ist in Baumgarten gelungen. So sehr gelungen, daß nicht einmal die flachköpfigen Scheit- und Prügelpädagogen, die jetzt dort „Ordnung machen, wie das Dienstmädchen auf dem Schreibtisch des Gelehrten", es bei den Älteren werden mehr zerstören können. Darum dieses rapide Wiedergewinnen der jüdischen Affektpositionen durch die Kinder, darum dieses rasche Wegwischen der assimilatorischen Oberschicht, wie wir es erlebten; so schnell sich entwickelnd, daß nicht einmal alle von uns Zeit hatten, die Oberschicht näher zu sehen. Die Grundlage, die affektive Basis, für eine jüdische Schule war somit geschaffen. Es galt auf ihr aufzubauen, ihr Inhalte zu geben, damit sie in Form sich ausdrücken könnten. Die nötigen Inhalte sind dreierlei Art: die Vergangenheit des Volkes, die Gegenwart des Volkes und das Jüdische in der eigenen Seele. Für alle diese Gruppen gibt es zwei Arten der Übermittlung. Man kann sie in eigenen Unterrichtsstunden unterrichten und man kann sie am jeweils gegebenen Material bewußtmachen oder mitteilen. Zweifellos ist es der zweite Weg allein, der unseren Anschauungen entsprochen hätte. Aber er war für uns aus zwei Gründen nur eine Strecke weit gangbar. Es fehlte an allen dinglichen Voraussetzungen: Bücher zur Vorbereitung des Lehrers, Lektüre für die Kinder, Bilder und Sachmaterial. Man hört solche Klagen oft genug und nichts geschieht ihnen abzuhelfen. Offenbar hat man noch nie im modernen jüdischen Schulwesen eine Anstalt gehabt, die wirklich mit Ernst und Tiefe an ihre Aufgabe gedacht hätte, sonst hätte die