Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus einem jüdischen Kinderheim
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 311 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus einem jüdischen Kinderheim 3" tive Anknüpfungspunkte erschienen wären. Mit Josef hörten ihre jüdischen Geschichtskenntnisse auf; mit ein paar Segenssprüchen, Gebeten, rituellen und völkischen Gebräuchen, Meinungen, Urteilen, Worten war ihr übriges jüdisches Wissen erschöpft. Vom Zionismus, von Palästina, von der jüdischen Bewegung wußten die wenigsten mehr und anders als ganz vage und uninteressiert. Noch zwei, drei Jahre jüdische Flüchtlingsfürsorge und sie wären „Assimilanten" geworden. Aber es gab auch ganz andere Symptome, die zeigen konnten, daß mit dem Gesagten die jüdische Situation in den Kindern ganz falsch gezeichnet ist. Sie war wesentlich komplizierter. Einiges als Beispiel und zur Darstellung dessen: In den ersten Tagen sagten wir den Kindern, ihre bisherigen Pflegepersonen würden nicht nach Baumgarten kommen, oder nur dann hier bleiben, wenn sie die Kinder anständig behandelten. Bald darauf interpellierte mich der kurz vorher gewählte Schülerausschuß im Namen der Knaben, ob Frl. A.f die sich seit gestern in Baumgarten aufhalte, und die von allen gehaßt sei, hier bleiben würde. Ich erklärte: auf keinen Fall. Die Leiterin aber erzählte anderen Kindern, Frl. A. sei von ihr aufgenommen. Nun gab es einen verhaltenen Sturm der Entrüstung und Wut, dessen Folge mehrfache Beschimpfung des Frl. A. durch „führende Persönlichkeiten'* unter den Kindern war. Ein lebhaftes, ja leidenschaftliches Gespräch, das die Knaben hierauf mit mir führten, ergab, daß Frl. A. sie vor einem Jahr als polnische Juden beschimpft hätte, sie, die selbst ein Flüchtling aus Galizien sei; daß sie für die pogromistischen Polen eingetreten sei. Frl. A. leugnete; die Leiterin nannte die Kinder Lügner und Verleumder — aber Frl. A. verließ am selben Tag Baumgarten, weil ich mich damals noch auf meinen Vertrag berufen konnte, als ich erklärte, sie könne hier nicht aufgenommen werden. Die Knaben atmeten auf und sagten: so müsse es auch in einem jüdischen Kinderheim sein, da wäre kein Platz für solche, die die Juden beschimpfen. Oder: Es war bei Tisch davon die Rede, ob alle Lehrer Juden seien: nämlich sie hätten es schon gehört, daß hier ein jüdisches Heim sei, zionistisch, und ob sie würden beten dürfen, ob es bei Tisch eine „Broche" geben würde, ob der Schabbes geheiligt würde, und ob es hier überhaupt so sein würde wie zu Hause, wie früher usw.; alles mit beglückter Lebhaftigkeit gesprochen. Oder: sie verlangten stürmisch von Anfang an Hebräisch-Unterricht, ohne sich freilich klar zu sein, warum eigentlich; weil sie_ ja nun endlich wirklich in einem jüdischen Heim seien. Und schließlich: die Freitag-Abend-Feiern, wie unzulänglich sie auch waren, hat kaum eines der Kinder ohne einen Schimmer <ier Ergriffenheit erlebt. Ich scheine in einem schweren Widerspruch verfangen: und doch, gerade so war es. Beides lebte in den Kindern. Jedes in einer anderen Seelenschicht. Tief zu unterst, bei den meisten schon recht verblaßt, verschüttet, unbewußt geworden, als Bestandteil der verkümmerten, verdrängten Affektsphäre, die ttut „früher", „zu Hause", „als die Eltern noch lebten", „als wir noch in