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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 310

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Aus einem jüdischen Kinderheim
Date
1920-01-01
Page
310 (sequence 2)
Language
German
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3io Siegfried Bernfeld: Sprache..... Und natürlich den Kindern viel von Palästina erzählen, denn es ist unser Land usw. usw. Kurz jüdisch-frisch, jüdisch-fromm, jüdisch-fröhlich, jüdisch-frei. Und das war nicht die Privatweltanschauung der Verwaltung. Das ist allgemein zionistisch. Der einzige, der hier tiefer sah, war Dr. Chajes. -Das muß einmal festgestellt werden. Es war bitter nötig tiefer zu schauen. Die Kinder zwangen dazu. Es waren so gut wie lauter Ostjuden; zum Teil östlichste Judenkinder. Von den Chaluzim und den Pädagogiumshörern abgesehen, waren aber die jugendlichen Bewohner Baumgartens in ihrer Stellung zum Judentum sehr merkwürdig struktruiert. Drei oder vier waren Schomrim, ein halbes Dutzend der Buben waren leidenschaftliche Anhänger der Hakoah — Wiener jüdischer Fußballklub — drei oder vier waren orthodox. Alle anderen — Assimilanten. Aber Assimilanten merkwürdiger Art. Keines nannte sich Polin oder Pole. Einige der älteren Mädchen sprachen anfangs polnisch; dies hörten die Kinder sehr ungern, es war ihnen die Sprache der Pogromisten, und zwar ganz instinktiv. Und nachdem ich einige Male eine diesbezügliche Bemerkung gemacht hatte, war diese Sprachenfrage erledigt. Kaum eines der Kinder nannte sich einen Deutschen — nur die Mädchen vom Esteplatz*) hielten sich zum Teil für Wienerinnen, im Gegensatz zu den Galizischen, obzwar auch sie beinahe alle aus dem Osten waren —, aber es war ihnen klar, daß im Grunde deutsch ihre Sprache sei, nicht ihre Mutterspräche, aber die Sprache ihrer Zukunft. Ja sie waren in dieser Beziehung recht empfindlich: vielen war nicht beizubringen, daß sie ein entsetzliches Kauderwelsch redeten, sie behaupteten, deutsch könnten sie, in dem Ton, wie es etwa ihre deutschen Kameraden in der öffentlichen Schule gesagt haben mochten. Sie wußten, daß sie Juden sind, und die meisten hatten keine Theorie der Assimilation —■ aber es war ihnen sehr unangenehm, daß sie Juden sind, daß man sie als solche erkennt. Sie litten darunter, ja es gab welche, die diese Tatsache haßten. Sie fühlten sich wegen ihres Judentums minderwertig gegenüber den anderen; bei manchen war dies fast krankhaft. Nichts war ihnen gefühlsmäßig so problematisch wie dies. Keine Spur von selbstsicherer Verwurzeltheit; sie wollten zwar nicht bewußt und theoretisch Deutsche werden, aber sie zeigten alle Symptome des Ihr-Judentum-Versteckens, alle Symptome des sich Bemühens, zu werden und zu sein wie die anderen. Wenn all dies nicht auf den ersten Blick gesehen wurde, so lag das daran, daß sie im Heim unter sich waren, daß die Judenfrage dort nicht gestellt war. Aber man mußte mit ihnen nur in der Straßenbahn fahren, man mußte mit ihnen nur über diese Dinge eindringlich reden, so wurde es klar. Und überdies dauerte es keine zwei Monate und sie waren in dieser Beziehung recht wesentlich verändert. Dazu kam noch: sie hatten im Durchschnitt keinerlei jüdische Kenntnisse; wenigstens keine, die ihnen als intellektuelle und affek- *) Eines der drei Heime aus denen die meisten der Kinder zu uns gekommen waren.

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