Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Aus einem jüdischen Kinderheim
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 309 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Bernfeld: Aus einem jüdischen Kinderheim 309 SIEGFRIED BERNFELD /AUS EINEM JÜDISCHEN KINDERHEIM*) Unser Kinderheim war ein jüdisches. Das war von Anfang an und ausnahmslos allen Beteiligten, den Kindern und den Erwachsenen klar. Fraglich war nur, was das bedeute, was daraus folge, wie es bemerklich werden sollte. Um vom Einfachsten zuerst zu sprechen: alle Kinder, alle Lehrer und ein Teil des Verwaltungspersonals waren Juden und zwar solche, denen es nicht einfallen konnte, über diese Tatsache irgendwie im Zweifel zu sein. Und von der ersten Stunde hießen wir auch in der Umgebung nicht das amerikanische Kinderheim — trotzdem sich unsere äußere Politik begreifliche Mühe gegeben hat, diese Tatsache bekanntzumachen — sondern das jüdische. Manchen schien nun alles weitere auch so einfach. Wir jüdisches Kinderheim sollten uns nun auch als solches bekennen und „musterhaft in Freud und Qual" dem jüdischen Namen Ehre machen. Und die Verwaltung „bekannte" sich: womöglich sollten recht viele Magen-Dawid angebracht, viel Blau-Weiß innen und außen verwendet und Herzl-Bilder aufgehängt werden. Es sollte recht sauber sein, damit man sehe, daß auch ein jüdisches Kinderheim — leider,, man hat nicht viel gesehen davon l — ordentlich.....die Kinder sollten wenig lärmen, brav, höflich und dankbar sein, damit man sehe, daß auch jüdische Kinder.....Die Kinder sollten Gartenbau betreiben, damit sie zeigten, daß .auch..... Die Feste sollten gefeiert werden, und man würde auch den Vizebürgermeister dazu einladen, damit..... Und natürlich recht viel Hebräisch, denn wir Juden haben auch unsere *) Im August 1919 richtete ich für das American Joint Distributions Committee, Vienna branch in 5 Baracken des ehemaligen Kriegsspital Wien-Baumgarten ein Kinderheim für jüdische Waisen ein und hatte in ihm bis Mitte April 1920 die pädagogische Leitung. Während dieser Zeit bemühten wir uns, die Anstalt im Geiste neuer, wissenschaftlicher, sozialistischer Erziehung zu führen. Und es muß festgestellt werden, daß in allem Wesentlichen unsere Bemühungen über Erwarten guten Erfolg hatten. In Baumgarten lebten 300 Knaben und Mädchen des Alters von 3—16 Jahren. Das Zentrum des öffentlichen Schullebens war die Schulgemeinde. Der Knabenbund der Wächter, Schotrim, die Kwuzoth (Kameradschaften) waren die Keimzellen des geistigen und moralischen Lebens, das in den bis dahin übel verwahrlosten Kindern bald sich zu entwickeln begann. Eine 8-klassige Einheitsschule diente dem Unterricht. Wir — die Lehrer, ich und unsere Freunde unter dem Verwaltungspersonal — mußten nach mehreren Monaten des unerfreulichsten Kampfes schließlich — für die Kinder allzu früh — die Schule verlassen, weil das Joint, die von ihm angestellte Verwaltung und deren Leiterin, völlig ratlos gegenüber unseren Anschauungen und Methoden stehend, bald erratend, daß ernsthafte sozialistische Erziehung ihnen und ihrer bürgerlichen Behäbigkeit gefährlich s^i, durch passive Resistenz, Gegenmaßnahmen und Intrigen die Atmosphäre in der Schule so zu vergiften begannen, daß Neues nicht mehr ungeschädigt in ihr wachsen konnte. — Die folgenden Seiten sind einem ausführlichen Bericht über diesen ernsthaften Versuch mit neuer Erziehung entnommen.