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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 307

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Memoiren Ber Bolechowers
Date
1920-01-01
Page
307 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Die Memoiren Ber Bolechowers 307 nach Herzenslust. Einige von ihnen umhängten sich mit seidenen Frauenröcken und ritten in dieser Vermummung davon. 5. Die jüdische Rasse besitzt eine außerordentliche Vitalität und Widerstandsfähigkeit. Wir wollen nun sehen, wie Ber Bolechower sich seinen Lebensunterhalt verdiente und wie Leute seinesgleichen vorwärts kamen. In den Zeiten Bers war der Typ des jüdischen Großpächters, den wir besonders im sechzehnten Jahrhundert so häufig vorfinden, im Aussterben. Ber konnte sich noch an einen Vertreter jener glänzenden Epoche gut erinnern. Das war Saul Wahl (ein Nachkomme des legendären Eintagskönigs, wie ich annehme), ein kluger, tüchtiger Mann, den Juden und Nichtjuden schätzten. Er war mit der Landwirtschaft, Viehzucht u. a. m. von Kind auf vertraut und verlebte beinahe sein ganzes Leben auf Herrengütern, die er als Pächter bewirtschaftete. So pachtete er -eine Zeitlang die Stadt Stryj mit den sie umgebenden Dörfern, ein anderes Mal die Stadt Skole. Wahl hatte Erfolg in seiner Tätigkeit und konnte seine große Familie, die aus zehn Söhnen und einer Tochter bestand, anständig erhalten. Seine Stellung war aber nicht sicher. Die Zeiten waren vorbei, da die polnischen Magnaten es für vorteilhaft hielten, jüdischen Pächtern die Bewirtschaftung ihrer Güter zu überlassen. So wurde auch Saul Wahl eines Tages bedeutet, daß er gehen könne. Der Graf Poniatowski hatte nämlich beschlossen, seine Güter mit Hilfe seines Personals selber zu verwalten. Wahl geriet in eine schwierige Lage. Dem Rate von Bers Vater folgend begann er in der Weinbranche zu arbeiten und konnte mit der Zeit seinen Verpflichtungen nachkommen und seine Schulden, die er bei Edelleuten gemacht hatte, bezahlen. Aus den Memoiren Bers erfahren wir noch andere markante Fälle der Verschuldung jüdischer Pächter gegenüber Edelleuten und Geistlichen. Tempora mutantur. In der frühen Epoche ihrer Siedlung in Polen waren die Juden häufig mit Geldleihe beschäftigt. Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich die Lage. Die früheren Schuldner verwandelten sich in Gläubiger der Juden. Auch Ber selber war oft gezwungen, in der Not Geld bei Edelleuten und in den Klöstern zu borgen. Hingegen kommt es in Bers Aufzeichnungen nie vor, daß Nichtjuden Juden gegenüber verschuldet wären. Ich nehme an, daß zu jener Zeit die Juden sich kaum noch in bedeutendem Umfange mit Geldleihe beschäftigten. Es*wurde Ber von den Angehörigen seiner Frau gründlich abgeraten, sich in diesem Geschäft zu versuchen. Er sollte sich lieber dem Handel widmen, wie es sein Vater getan hatte. Es ist interessant zu verfolgen, wie Bers Vater von der Landwirtschaft zum Handel überging. . Die Güter, die er bewirtschaftete, lagen in einer gebirgigen Gegend, der Boden war nicht sehr fruchtbar. Der Pachtzins mußte aber bezahlt, die Arbeitskraft der Bauern ausgenutzt werden. Bers Vater ging mit dem Salinenbesitzer in Bolechow eine Vereinbarung ein, derzufolge letzterer ihm Salz für Holz zu liefern hatte, ein Faß Salz gegen eine 20*

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