Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Memoiren Ber Bolechowers
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 308 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Mark Wischnitzer: Die Memoiren Ber Bolechowers Fuhre Holz. Den ganzen Winteir wurde so gearbeitet und Salzvorräte gesammelt. Im Sommer schickte Bers Vater seine Leute mit dem Salz nach Podolien hinaus, um in dem durch seine Ernten berühmten Lande Korn dagegen einzutauschen, einen bis zwei Sack Korn für ein Faß Salz. Aus dem Korn wurde Alkohol destilliert, ein in Galizien und besonders in Ungarn viel gesuchter Artikel. Bers Vater erarbeitete sich auf diese Weise ein bedeutendes Vermögen. Unter anderm versuchte er sich im Weinhandel in Ungarn, der mit der Zeit sein Hauptgeschäft wurde, woran sich seine Söhne, auch Ber darunter, beteiligten. Es würde zu weit führen, Bers Tätigkeit in allen Einzelheiten, wie er sie aufzählt, zu beschreiben. Er pflegte jedes Jahr, manchmal auch zweimal im Jahre, nach Ungarn zu reisen, wo er die berühmten Weingegenden, wie Tokay, aufsuchte. Nachdem er die Qualität der Weine geprüft hatte, machte er Abschlüsse auf eigene Rechnung, auf Rechnung seiner Kompagnons und Auftraggeber aus dem Adel oder der Geistlichkeit. Ber muß sich eines gewissen Namens erfreut haben, denn bekannte französische Weinhändler, die nach Polen kamen, knüpften mit ihm geschäftliche Verbindungen an. Ber unterrichtet uns über Preise, Geldwechsel, Veränderungen in der polnischen Valuta, er führt uns auf die Breslauer Messe, in die Handelshäuser in Warschau, Lemberg, in Ungarn. Er besucht die Herbergen, wo die Abgeordneten des Sejms und die Mitglieder der hohen Tribunale abstiegen. So manches Faß ungarischen und spanischen Weins, das Ber für seine adeligen Auftraggeber besorgte, wanderte in den Besitz der weinfrohen Landboten. Auf solche Weise sicherten sich die Magnaten die Stimmen im Sejm für ihre politischen Zwecke. Die Landboten zeigten sich auch für andere Arten von Aufmerksamkeiten empfänglich, für Uhren und Schmuck. Bers Aufzeichnungen liefern einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung der Rolle, die die jüdischen Gemeinden in Brody, Tysmienica und Lemberg im Auslandshandel spielten. Sie werfen ein neues Licht auf die Betätigung der Juden im Handel im achtzehnten Jahrhundert. Ich muß noch die jüdischen Handwerker erwähnen, die, wie ich bereits ausführte, etwa im sechzehnten Jahrhundert eigene Zünfte*) bildeten. Dieses Thema ist in unserer Geschichtsforschung ziemlich vernachlässigt worden. Ich freue mich, in Bers Memoiren die Bestätigung meiner Ausführungen zu finden. Unter anderen Genossenschaften gab es Zünfte der jüdischen Goldarbeiter. Die Lemberger jüdischen Goldarbeiter waren weitbekannt. Ber ließ bei ihnen einige synagogale Gerätschaften ausführen. Nach der Aussage vieler Kenner „hatte man in Polen nie solche Geräte gesehen". Was ich hier geben konnte, sind nur einige wenige Streiflichter. Ich hoffe, durch baldige Veröffentlichung dem lesenden Publikum den vollen Einblick in die Aufzeichnungen Bers bieten zu können. *) Näheres darüber in meinem Aufsatz über das jüdische Handwerk in Polen in dem oben zitierten XI. Bande der Geschichte des jüdischen Volkes (Moskau 1914).