Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Memoiren Ber Bolechowers
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 306 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Mark Wischnitzer: zu nehmen, indem er das Schreibendes Rabbi an den Schlachziz redigierte, das diesen von den lauteren Absichten Rappaports überzeugen sollte. Ber erzählt weiter, wie der Fürst Jablonowski, der in Streitigkeiten mit der Familie des Grafen Wielhorski, des Besitzers der Stadt Tysmienica, lag, den Juden eine Strafe auferlegte für ihre angeblich parteiische Stellung, die sie in diesem Konflikt eingenommen haben sollten. Die jüdische Gemeinde wurde gezwungen, 350 Faß Honig, die von den ukrainischen Gütern des Fürsten gebracht wurden, zum Preise von 8 Golddukaten per Faß abzukaufen, während der Marktpreis bloß 6 Dukaten betrug. Andere polnische Edelleute, wie z. B. der Fürst Martin Lubomirski, pflegten zu ihrer Unterhaltung jüdische Händler auf der Landstraße zu überfallen und zu plündern. Die Juden lebten in ewiger Angst vor dem Edelmann. Ber Bolechower kannte die Zustände durch und durch; er hatte nur zu oft die Gelegenheit gehabt, die eitlen und faulen Schlachzizen zu beobachten, wie sie in den Salons tanzten und spielten, und während der Sejmtagungen zankten und zechten. Es war aber noch ein anderes Element im polnischen gesellschaftlichen Leben wirksam, das von großem Einfluß für das Wohl und Wehe der jüdischen Gemeinden war. Das war die polnische Geistlichkeit. Die Studenten der Jesuitenkollegien machten es sich zur besonderen Aufgabe, jüdische Häuser und Läden zu überfallen, zu plündern und die aufgescheuchten Einwohner zu prügeln. Diese Studentenpogrome häuften sich und wurden zu einer ewigen Plage. Man findet so manche Beschreibung davon in den Gemeindechroniken. Ber schildert das letzte „Schülergeläuf" in Lemberg und bemerk* dazu, daß diese früher eine chronische Erscheinung waren. „Es kam oft vor, 4aß während einer Zänkerei zwischen einem, Juden und einem Studenten Kameraden des letzteren einen Pogrom veranstalteten. Schlägereien und Mord waren an der Tagesordnung. Die Juden flohen, um ihr nacktes Leben zu retten. Währenddessen plünderten die jungen Edelleute nach Herzenslust." Die angeführten Schilderungen illustrieren zur Genüge die anarchischen Zustände, die im alten Polen herrschten. Wenn man in Betracht zieht, daß es dort keine eigentliche Königsgewalt gab, daß der Edelmann auf seinem Gute der despotische Alleinherrscher war, daß der unterminierte brüchige Staat. aus Hunderten und Tausenden solcher Staaten bestand, kann man sich die höchst gefahrvolle Lage der Juden leicht denken. Wir erfahren aus Bers Aufzeichnungen, daß die Juden in Bolechow ihre eigene Polizei hatten, welche nachtsüber das Judenviertel bewachte. Eines Morgens, knapp nachdem die Wache sich zur Ruhe begeben hatte, erschien vor dem Hause eines gewissen R. Nachman eine Räuberbande. Das Feuer, an dem sich die Wache gewärmt hatte, war noch nicht ausgegangen. Der Synagogendiener schlief am Feuer. Die Räuber weckten ihn und befahlen ihm, sie in das Haus zu führen. Der Überfallene Hausbesitzer verwundete durch einen Gewehrschuß das Haupt der Bande. Es erfolgte ein regelrechter Pogrom. Viele Häuser wurden in Brand gesteckt. Die Räuber plünderten