Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Memoiren Ber Bolechowers
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 305 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Memoiren Ber Bolechowers 305 Ber Bolechower beklagte sehr die Aufhebung der Judentage, die, wie er sich ausdrückte, „einen kleinen Trost und auch ein bißchen Ehre für die Kinder Israels" bedeuteten und ein Zeichen dafür waren, daß „Gott in seinem großen Mitleid uns nicht verlassen hatte". Und er erinnerte an das Gotteswort: „Und ungeachtet dessen, wenn sie im Lande ihrer Feinde sein werden, werde Ich sie nicht verwerfen, verabscheuen und meinen Bund mit ihnen brechen, denn Ich bin der Herr, ihr Gott." In einigen bemerkenswerten Worten schildert Ber die gemeinnützige Tätigkeit der Judentage, die über jede wichtige Angelegenheit zu entscheiden hatten. Nach seiner Meinung bestanden diese Institutionen seit 800 Jahren, was nicht zutrifft; es steht vielmehr fest, daß die ersten Judentage nicht vor dem sechzehnten Jahrhundert zusammengerufen wurden. Bers Mitteilung hingegen, er habe gedruckte Exemplare der Protokolle ■der Judentage gesehen, ist von großem Interesse. Wir besitzen nämlich kein einziges von diesen Protokollen mehr, es existieren nur noch die vollständigen Protokolle der Litauischen Judentage von 1623 bis 1763. Die letzteren sind von der Jüdischen Historischen und Ethnographischen Gesellschaft in Petrograd veröffentlicht worden. Die Protokolle der polnischen Judentage müssen somit als verloren betrachtet werden. Einige Abschnitte und einige Beschlüsse daraus sind erhalten geblieben, aber bloß in Abschriften, die in den alten Gemeindebüchern Lembergs, Krakaus, Posens und anderer Städte vorzufinden sind. Ich habe ein paar authentische Blätter aus solchen Gemeindebüchern in der Bibliothek des Historikers S. Dubnow gesehen. Das ist alles, was übriggeblieben ist. Ber schildert in einem andern Zusammenhange die Sitzungen des letzten. Judentages der Provinz Reußen und verzeichnet die Namen der Teilnehmer, ■die aus Brody, Zbaraz, Zolkiew, Tysmienica und andern Gemeinden gekommen waren. Bers Bruder Arjeh Loeb, der auf dem vorhergegangenen Judentage in Bobrka zum Marschall (ähnlich dem marszalek der polnischen Sejme) gewählt wurde, war die «führende Persönlichkeit in diesen Beratungen. Die Memoiren Bers bieten einen tiefen Einblick in die sozialen Zustände der Zeit und schildern wahrheitsgetreu die demütigende Lage des Juden, der der unbeschränkten Willkür des Gutsherrn ausgesetzt war. Das Wohlergehen ganzer Gemeinden war oft von so einem selbstherrlichen Gutsbesitzer abhängig. Es gab keine andere Macht im polnischen Staate. Der König war bloß ein Schatten. Die zentralen Verwaltungsorgane waren vollkommen machtlos, während die lokale Obrigkeitsgewalt sich im vollen Einvernehmen mit der Schlachta befand. Ber schildert z. B., welcher Energieaufwand nötig war, um dem Rabbi Chaim Ha-Kohan Rappaport aus den Schwierigkeiten ^u helfen, in die er durch eine böswillige Denunziation an einen polnischen Allgewaltigen geraten war. Es würde zu weit führen, diese Geschichte nachzuerzählen, die Ber in allen ihren dramatischen Einzelheiten schildert. Seine Kenntnis der polnischen Sprache befähigte ihn, an der Sache unmittelbar Anteil Heft s/6. 20