Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Memoiren Ber Bolechowers
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 304 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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304 Mark Wischnitzer: in den Jahren um die erste Teilung: „Und so wurde dem polnischen Volke und dem polnischen Reich die Ehre genommen. Und die Prophezeiung Jesekiels bewahrheitete sich (Kap. 25, Vers 14): ,Und ich will Rache üben an Edom durch den Arm meines Volkes Israel. (Edom bedeutet das polnische Volk, erklärt Ber.) Was sie Israel antaten, das geschieht nun ihnen selbst/ Die Ehre ihres Landes und die staatliche Unabhängigkeit ist ihnen genommen, und sie sind geknechtet worden für alle Ewigkeit."" Diese bitteren, haßerfüllten Worte finden ihre volle Rechtfertigung, wenn beachtet wird, in welchem Zusammenhang sie geäußert wurden. Ber spricht nämlich von der Aufhebung der zentralen Organe der jüdischen Selbstverwaltung in Polen und Litauen. Im Jahre 1764 wurde im Sejm das Gesetz angenommen, das die Abschaffung des „Vierländer-Rates" (Waads), des litauischen Waads und der zahlreichen Provinzwaade oder Judentage vorsieht. Durch diese Maßnahme wollte der Sejm, wie unsere Historiker sie erklären, die Steuereinbringung regeln. Dem neuen Gesetz zufolge hatten alle über ein Jahr alten Juden eine bestimmte Quote per Kopf an die Kronbeamten zu entrichten, während früher die Besteuerung — sowohl Einschätzung der Zahlungsfähigkeit, als Einbringung der von der Regierung geforderten Summen — den provinziellen und den zentralen Räten oblag. Wir zitieren Bers eigene Worte, die einiges zur Erklärung des Gesetzes und der Atmosphäre, aus welcher das Gesetz hervorging, beitragen. „Und nun will ich von dem großen Übel sprechen, das im polnischen Lande dem Volke Israel zugefügt wurde, um es zu erniedrigen, vom Raub eines kleinen Privilegs, das es seit jeher genießt, seit es sich in Polen niedergelassen hatte, d. h. seit 900 Jahren bis zur Thronbesteigung König Poniatowskis. Die Polen, hauptsächlich aber die Schlachta, glaubten und beteuerten, daß die jüdischen Ältesten, die während der Sejmtagungen sich in Warschau wegen der Steuerangelegenheiten (diese Judensteuer wurde vom Sejm beschlossen) aufzuhalten pflegten, an der Auflösung des Sejms schuld wären." Wie Ber weiter ausführt, traten im Sejm viele judenfeindliche Abgeordnete auf, um die Juden aller erdenklicher Schandtaten zu beschuldigen, ihren Ausschluß aus dem Vieh-, Wein- und sonstigen Handel zu befürworten und die Aufhebung der Judenprivilegien zu verlangen. „Der polnischen Verfassung zufolge konnte ein einziger Schlachziz durch seine Vetoerklärung den Sejm auflösen. Die polnischen Adeligen bemühten sich, die Sache so darzustellen, als ob die Juden daran schuld wären, daß der Sejm aufgelöst wurde, und daß sie gewissen Abgeordneten bedeutende Geldsummen zahlten, die durch das obenerwähnte Verfahren den Sejm aufzulösen hatten. So kam es, daß die jüdischen Räte durch Königsdekret abgeschafft wurden. Der Sejm beschloß weiter, in alle polnischen Provinzen nichtjüdische Beamte zu schicken, die die Zahl der jüdischen Steuerzahler an Ort und Stelle feststellen sollten. Auf diese Weise, so urteilten die Polen, wird es nicht mehr nötig sein, jüdische Älteste zu wählen, die alle Gesetze unseres Sejm zunichte machen".