Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 303

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Memoiren Ber Bolechowers
Date
1920-01-01
Page
303 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105530--4151-3105613
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Memoiren Ber Bolechowers 303 liehen Kaufleuten, jüdischen und christlichen Zünften fanden die Juden eine wesentliche Stütze in den im Laufe der Jahre ausgebildeten Organen ihrer Selbstverwaltung. Die Autonomie der jüdischen Gemeinde,- die in den Judenprivilegien bereits vorgesehen war, wurde im sechzehnten Jahrhundert verwirklicht. Dem Beobachter bot sich in diesen Zeitläuften ein erfreuliches Bild regen Gemeindelebens, intensiver Kulturarbeit, rabbinischer Gelehrsamkeit, wobei es aber auch schon nicht an Keimen des späteren Verfalls fehlte. 4- Im achtzehnten Jahrhundert, auf das wir jetzt im Zusammenhang mit Bers Memoiren zu sprechen kommen, hatten die drohenden Symptome bereits deutliche Formen angenommen. Wir werden die veränderten Verhältnisse nach diesem Abriß besser verstehen. Es muß noch eingeschaltet werden, daß die Wirren in Polen in den Jahren 1648—1658 und die immer zunehmende Anarchie auf den ökonomischen Verfall des Landes im allgemeinen und der Judenheit im besonderen katastrophal einwirken mußten. Die Macht der Schlachta und des Klerus nahm zum Unglück für Polen und die Juden immer mehr zu. Der Konkurrenzkampf mit der Kaufmannschaft und den Handwerkszünften wurde immer erbitterter. Die jüdische Bevölkerung Rotrußlands, die im Jahre 1764 über 100000 zählte, befand sich in dem Zustande ökonomischen Verfalls. Der Großhandel beschäftigte nicht mehr eine so große Anzahl Juden wie in den vorangegangenen Jahrhunderten. In den Städten herrschten Kleinhandel und Handwerk vor, auf dem flachen Lande Pächterei und Schankwirtschaft. Ber ist ein Vertreter der wohlhabenden Schicht, und als solcher konnte er uns natürlich keine Schilderung des Lebens der Handwerkerschaft geben,' die uns besonders interessieren würde. Er gehörte schließlich, wenn auch Jude, den bevorzugten Kreisen an. Aber ein rühriger Charakter, eine reiche Veranlagung, ein hervorragendes Wissen befähigten ihn dazu, mehr als der Durchschnittsmensch seiner Klasse zu erleben. Daher haben seine Aufzeichnungen nicht bloß einen Seltenheitswert. Sie bieten manchen scharf beobachteten und richtig gesehenen Zug der Zeit. Der Schlachziz haßte und verachtete seinen Knecht, den Bauern, aber er verabscheute auch und mißhandelte auf jede Weise den Juden, den er zum Werkzeug seiner Exploitationsgelüste gemacht hatte, deren Objekt die Bauernmassen bildeten. Es mögen natürlich auch Ausnahmen vorgekommen sein, aber im großen und ganzen rinden wir das Urteil über judenfeindliche Gesinnung der Schlachta in Bers Memoiren bestätigt. Vielleicht [noch schlimmer als der durch Verfolgungen zugefügte materielle Schaden waren die moralischen Leiden der Mißhandelten. Die Erbitterung der ukrainischen Juden gegen Polen im achtzehnten Jahrhundert kommt in Bolechowers Aufzeichnungen sehr scharf zum Ausdruck. Der Zorn des Erniedrigten spricht aus der Genugtuung Bers über den Zusammenbruch Polens

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.