Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Memoiren Ber Bolechowers
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 302 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Mark Wischnitzer: Judensiedlungen (abgesehen von Wladimir-Wolynsk und Luzk) vorfinden. Als im vierzehnten Jahrhundert die staatliche Selbständigkeit dieses Gebiets, das auch unter den Namen Rotrußland oder Reußen bekannt war, verloren ging und es unter polnische Herrschaft kam, konnten die jüdischen Siedlungen sich trotzdem weiterentwickeln und erreichten im sechzehnten Jahrhundert den Höhepunkt ihrer Blüte. Die Juden bildeten damals 5°/0 der Gesamtbevölkerung des Landes und 20°/0 der Stadtbevölkerung. Sie trugen zum wirtschaftlichen Aufschwung Rotrußlands bei, das infolge der Tartarenüberfälle schwer gelitten hatte, aber nunmehr sich fortschreitend erholte. Die ökonomische Betätigung der Juden war durchaus keine einseitige. Sie leisteten dem Staate als Pächter von Zöllen, der Salzgruben in Kolomea, Drohobycz usw. und sonstiger Gefälle große Dienste. Wir finden sie als Gründer von Dörfern vor. Sie leiteten und unterstützten mit ihren Kapitalien gewerbliche Unternehmungen und traten außerdem auch als Handwerker auf, und zwar nicht vereinzelt, sondern bereits in geschlossenen Körperschaften (Zünften). Sie widmeten sich dem Großhandel und erweiterten die Beziehungen zur Moldau, der Türkei und. den Küstenstädten am Schwarzen Meer. Die Metropole Rotrußlands, Lemberg, zu jener Zeit der Stapelplatz eines schwungvollen Orienthandels, war auch der Sitz der größten ukrainischen Judengemeinde, die um die Wende des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts zur Bedeutung gelangte. Während die Regierung die Juden förderte und in ihren Rechten schützte, machten sich unter der Schlachta sowohl, als auch unter der Bürgerschaft schon zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts Bestrebungen geltend, der freien und ungebundenen Betätigung der Juden auf wirtschaftlichem Gebiete Schranken zu setzen. Der Adel hatte allmählich den ganzen Getreidehandel an sich gezogen; wenn Juden sich auch fernerhin damit beschäftigten, so geschah es nur im Auftrag, oder im Dienste des Adels, der überhaupt auf die Vorteile, die die jüdischen Untertanen dem Könige einbrachten, neidisch war und es daher durchsetzte, daß die Juden, die auf seinen Besitzungen ansässig waren, ihm unterstellt wurden. Der Sejm hat diese Trennung von Königs- und Adels- oder Zinsjuden im Jahre 1539 sanktioniert. Für die weiteren Geschicke des rotrussischen Judentums war diese Maßnahme von größter Bedeutung. Dadurch wurde mit einem Schlage einbeträchtlicher Teil der jüdischen Bevölkerung der Einflußsphäre des Königs (Gerichtsbarkeit, Steuern) entzogen und dem Adel unterworfen. Besonders aber wurde die ökonomische Lage der Juden durch das inzwischen erstarkte Bürgertum beeinträchtigt. Die Konkurrenz des jüdischen Unternehmers, des jüdischen Kaufmanns, des jüdischen Handwerkers wurde von den Bürgern als lästig empfunden, und so setzte ein schwerer Kampf ein, der bald zugunsten der Bürger, bald zugunsten der Juden schwankte, im allgemeinen aber die wirtschaftliche Stellung der letzteren immer mehr untergrub. In diesen dramatischen Kämpfen zwischen jüdischen und christ-