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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 301

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Memoiren Ber Bolechowers
Date
1920-01-01
Page
301 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Die Memoiren Ber Bolechowers 301 Eigenschaft eines offiziellen Dolmetschers auf Seiten der Rabbiner am Frankistendisput in Lemberg im Jahre 1759 auf. Trotz seiner geschäftlichen Betätigung fand Ber auch als älterer Mann Muße für Sprachstudien und literarische Wirksamkeit. Er erlernte in späteren Jahren Deutsch und Französisch, verfaßte die eingangs erwähnte, mit dem Sektierertum polemisierende Schrift „Dibre Binah" und übersetzte ein historisches Werk aus dem Deutschen ins Hebräische. Die ersten dreißig Seiten des Manuskripts im Jews' College sind der babylonischen und persischen Geschichte gewidmet. Ber hatte nämlich in Lemberg, wo er die ungarischen Weine abzusetzen pflegte, die Bekanntschaft eines Pariser Weinhändlers und dessen Gehilfen gemacht, der aus Leipzig stammte. Dieser bat Ber, ihm hebräischen Sprachunterricht im Austausch gegen deutschen zu erteilen. Der junge Mann, Johann Lebedy, war vermögender Leute Kind und fand weder an der kaufmännischen, noch an der militärischen Laufbahn, zu der ihn seine Eltern bestimmten, Geschmack. Er trieb orientalische Studien und wurde später Professor an der Leipziger Universität. Um sich seinem Lehrer erkenntlich zu erweisen, übersandte er ihm die deutsche Übersetzung des Werks des englischen Autors Humphrey Prideaux „Connection of the Old and New Testament in the History of the Jews and the Neighbouring Nations from the Declentionof the Kingdom of Israel and Judah to the Time of Christ" (London 1716/18), das Ber zur Erbauung seiner Nachkommen ins Hebräische übertrug. Ein Teil dieser unveröffentlicht gebliebenen Übersetzung findet sich in unserm Manuskript vor. Es würde zu weit führen, hier auf die literarische Tätigkeit Bers, namentlich die polemische Schrift „Dibre Binah" (worüber Brawer im Haschiloach 1918 geschrieben hat), eingehen zu wollen. Mich interessieren zunächst die sozialen und ökonomischen Zustände, wie sie in der Beleuchtung Ber Bolechowers erscheinen. Er war einer der wenigen geschäftsmännisch tätigen Juden, die sich eines gewissen Wohlstandes in einer Epoche erfreuten, die ich anderweitig (im Bd. XI der Geschichte des jüdischen Volkes, Moskau 1914) als Epoche des Verfalls und der Verarmung der jüdischen Massen bezeichnet habe. 3. Ber und seine Geschäftsgenossen betrieben ihren Handel in Ostgalizien (oder der Westukraine), wo die Juden seit dem Mittelalter eine hervorragende Rolle im wirtschaftlichen Leben spielten. Die Fürstentümer Halicz und Wolhynien, die im zwölften, dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert zur gedeihlichen Entwicklung gelangten, können als die Wiege des ukrainischen Judentums bezeichnet werden. Unter anderen Kolonisten, die in diesen fruchtbaren Landstrich herbeiströmten, befanden sich Juden, die in der Bewirtschaftung des Bodens und im Handel sich wirksam betätigten. Als Handelszentren kamen bald Lemberg und Halicz zur Geltung, wo wir auch die ältesten

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