Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Memoiren Ber Bolechowers
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 300 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Mark Wischnitzer: ich mit meinen Augen den Rabbi ein Pferd besteigen, um nach Dolina zu fliehen und sein Leben zu retten." . . . Auf das Einschreiten von Bers Vater hin wurde dem Rabbi die Rückkehr ermöglicht. Ber war ein Lieblingsschüler dieses Rabbi, der seine Erkenntlichkeit dadurch bezeugte, daß er nach seiner Übersiedlung nach Brody selber für ihn eine Braut aus ansehnlicher Familie aussuchte. Inzwischen setzte Ber das Talmudstudium unter dem neuen Gemeinderabbiner fort, den er jeden Sabbatnachmittag zu besuchen pflegte, um ein Blatt Talmud vorzutragen und auf diese Weise seine in der Woche gemachten Fortschritte zu zeigen. Der Rabbi gab ihm eine bestimmte Aufgabe auf und ließ ihn allein, um sie vorzubereiten, während er sein Nachmittagsschläfchen abhielt. Der arme Ber hatte oft seine liebe Not mit den schweren Aufgaben. Glücklicherweise war die Schwester des Rabbi eine im Talmudstudium wohlbewanderte Frau, sie konnte es nicht mit ansehen, wie der Junge sich abquälte und ließ ihn den Passus nennen, der ihm soviel Kopfzerbrechen machte. Ber zitierte die betreffende Stelle, worauf sie, ohne in den Talmudfolianten zu blicken, deren Sinn erläuterte und den entsprechenden Kommentar Raschis verdolmetschte. Bers Ehe mit der Brodyer Tochter aus guter Familie war unglücklich und er ließ sich von ihr nach zweiundeinhalb Jahren scheiden. Nach einiger Zeit heiratete er eine junge Witwe .aus Tysmienica und verlebte ein paar Jahre im Hause seiner Schwiegereltern. Zunächst setzte er sein Talmudstudium fort und erweiterte seine Kenntnisse im jüdischen Schrifttum. Daneben lernte er auch Polnisch und Latein. Er fand in Tysmienica einen Kreis wißbegieriger Kameraden, die dem Studium der hebräischen Sprache und Literatur besonders huldigten. Ich sehe in dieser Tatsache den Beweis dafür, daß bereits in einer so frühen Periode in einem galizischen Städtchen eine der Haskalahbewegung so verwandte Strömung auftauchte — in einem Städtchen freilich, das, wie Ber berichtet, rege Handelsbeziehungen zu Breslau unterhielt. Diese Geschehnisse spielten sich vor der Mendelssohnschen Bewegung ab, was nicht genügend hervorgehoben werden kann. Bers erste Versuche im Handel — er hatte es mit Branntwein, Heringen, Gewürzen, Wachs und Fellen angefangen — waren erfolglos. Er verlegte sich daher auf den Rat seines Vaters auf das Weingeschäft, worin er mehr Glück haben sollte. Neben seinen eigenen Geschäften vergaß er nicht seine Pflichten als führendes Mitglied seiner Heimatgemeinde, wohin er aus Tysmienica übersiedelt war. Die guten Beziehungen mit dem Adel, der Geistlichkeit und den Regierungsorganen, die ihm der Weinhandel eingebracht hatte, ermöglichten Bers Wirken für das Wohl der Gemeinde. Er und sein Bruder Arjeh Loeb waren Mitglieder des Judenlandtages in der Provinz Reußen (Ostgalizien). Auf diese Weise war Ber mit den öffentlichen jüdischen Angelegenheiten aufs innigste vertraut. Seine vorzügliche Kenntnis des Polnischen verhalf ihm dazu, den angesehenen Lemberger Rabbiner Chaim Hakohen Rapaport aus einer gefahrvollen Situation zu retten. Er trat in der