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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 299

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Memoiren Ber Bolechowers
Date
1920-01-01
Page
299 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Die Memoiren Ber Bolechowers 299 seilte Beobachtungen, die die Beziehungen zwischen den Juden und den Regierungsbehörden, dem Adel, der Geistlichkeit, der Kaufmannschaft und den Bauern betreffen. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich den historischen Gehalt der Memoiren Ber Bolechowers höher einschätze, als den der Lebenserinnerungen Salomon Maimons (soweit jüdisch-polnische Verhältnisse in Betracht kommen) und der Memoiren der Glückel von Hameln. Meines Wissens ist von keinem andern jüdischen Autor in Polen vor dem 19. Jahrhundert soviel wertvoller Stoff in gedrängter Form zusammengetragen worden. Ber Bolechower hat es nicht gescheut, die alltäglichen Begebenheiten im Geschäftsleben und das langwierige Hin und Her der Verhandlungen mit Kronsorganen und Adligen aufs genaueste zu vermerken. Die Memoiren sind hebräisch abgefaßt. Der leichte und anspruchslose Stil löst in seiner Anschaulichkeit und dramatischen Steigerungsfähigkeit zuweilen starke Wirkungen aus. Leider ist das im Jews' College befindliche Exemplar der Memoiren nicht vollständig*). Der Faden der Erzählung reißt oft ab, es kommen Wiederholungen vor, der Autor beruft sich auf Tatsachen, die in unserm Manuskript fehlen. Der Wert des Werkes wird dadurch aber kaum beeinträchtigt, 2. Wie Ber erzählt, war sein Großvater Hirsch als achtjähriger Knabe Zeuge der Chmielnitzkyschen Kosakenkriege, von denen auch das Städtchen Meseritsch (unweit Brest Litowsk), wo er geboren war, berührt wurde. Dessen Sohn Judah erlangte in Bolechow Wohlstand durch den Weinhandel; er importierte Weihe aus Ungarn und erfreute sich eines guten Rufes unter Juden und Nichtjuden. Er beherrschte die ungarische Sprache und trat als offizieller Dolmetsch in den Verhandlungen zwischen Rakoczy und den polnischen Behörden auf. Seine Erfolge im Weinhandel kamen auch seinem Sohne zugute. Ber wurde in Bolechow im Jahre 1722 geboren. Er genoß die übliche religiöse Erziehung, die in der frühesten Kindheit einsetzte. Als elfjähriger Knabe empfing er unvergeßliche Eindrücke von den turbulenten Ereignissen, die dem Tode des Königs Augusts IL folgten. Zwei Kandidaten bewarben sich um die polnische Krone — der gleichnamige Sohn des verstorbenen Königs und Stanislaus Leszczynski; ersterer wurde vom Zaren Peter, Leszczynski von Frankreich unterstützt. Die Truppen Leszczynskis berührten auf ihrem Rückzüge vor der russischen Armee Bolechow und die umliegenden Ortschaften. Ber schildert die Ereignisse dieser aufgeregten Zeit, insofern auch seine Heimat davon betroffen wurde. Er konnte es nicht vergessen, daß der Rabbi Bolechow am Vortage des Jörn Kippur eiligst verlassen mußte, weil er bei dem russischen Kommandanten denunziert wurde und befürchten mußte, verhaftet zu werden. „An jenem Tage," sagt Ber, „nach dem Morgengebet, sah *) In Anbetracht der vielen orthographischen und grammatikalischen Fehler ist es als Abschrift anzusehen.

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