Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Memoiren Ber Bolechowers
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 298 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Mark Wischnitzer: MARK WISCHNITZER / DIE MEMOIREN BER BOLECHOWERS I. Die Bibliothek des Jews' College in London besitzt ein wertvolles Manuskript — die Memoiren des Weinhändlers Ber Bolechower oder Birkenthal (1722—1810), der im jüdischen öffentlichen Leben seiner Zeitsich hervorragend betätigt hat und durch seine Belesenheit, literarisches Wirken und weltmännische Erfahrung auch sonst Interesse beansprucht. Professor Marmorstein war der Erste, der im Jahre 1913 (in der „Zeitschrift für Hebräische Bibliographie") auf diese Memoiren und ihre Wichtigkeit als ein Dokument des jüdischen Wirtschafts- und Kulturlebens im achtzehnten Jahrhunderte hinwies. Als ich im Herbst 1919 mich an Dr. Hirschfeld, Bibliothekar des Jews' College, mit der Bitte wandte, mir Materialien zur Geschichte der Juden in Polen und Rußland zur Verfügung zu stellen, verwies er mich auf das Bersche Manuskript Ein flüchtiges Durchblättern des engbeschriebenen 120 Seiten starken Heftes belehrte mich über die Fülle interessanten Materials, und ich veranlaßte die Herstellung einer Kopie zwecks einer ehebaldigen Veröffentlichung dieses wertvollen Memoirenwerkes*). Gleichzeitig versuchte ich ausfindig zu machen, ob abgesehen von dem Marmorsteinschen Aufsatz die Memoiren Ber Bolechowers sonst noch irgendwo in unserer Literatur, sei es auch nur in Auszügen, veröffentlicht worden sind**). Von verschiedenen Seiten wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß Schriften Ber Bolechowers bereits im Haschiloach während des Krieges erschienen seien. Dr. Brawer, deren Herausgeber, bezweifelte in der Wiener „Jüdischen Morgenpost4*, daß meine Entdeckung neu wäre. Demgegenüber muß nachdrücklich hervorgehoben werden, daß es sich hierbei um ein offensichtliches Mißverständnis handelt, denn während er Ber Bolechowers religionsphilosophisches und polemisches Werk „Dibre Binah" im Auszuge veröffentlichte, ist bei mir die Rede von den Memoiren Ber Bolechowers, welche die wirtschaftlichen und allgemeinen jüdischen Verhältnisse seiner Zeit schildern. Sie befassen sich mit dem Familien- und Gemeindeleben, mit Sitten, Bräuchen, mit Erziehungswesen, Literatur und der polnischen Politik im achtzehnten Jahrhundert. Jüdische Frauentrachten und Schmuck, Synagogales und Hausgerät sind darin mit der peinlichsten Genauigkeit beschrieben. Die Tätigkeit des Judenreichstages und der provinziellen Judenlandtage erscheint bei Ber in einem neuen Licht. Überaus reichhaltig sind die Mitteilungen des Autors über den jüdischen Handel jener Zeit und nicht minder wertvoll *) Ich habe darüber zuerst in einem Vortrag in der Jewish Historical Society of England am 22. Februar 1920 berichtet. **) Eine kleine Auswahl aus Bers Aufzeichnungen betreffend die Judenhetze bringt Dr. Lewin in dem Artikel „Neue Materialien zur Geschichte der Vierländersynode", Jahrbuch der jüdisch-literarischen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1916, Bd. XI, S. 144—158.