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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 296

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
Date
1920-01-01
Page
296 (sequence 16)
Language
German
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296 Das kulturelle Problem des modernen Westjuden die Frage des Wiederschöpferischwerdens des Judentums eine allmenschliche ist, in den Tendenzen des jüdischen Volksgeistes tragende Menschheitsideen sich verwirklichen, hat Martin Buber — hierin bahnbrechend — angedeutet und eine jüdische Geschichtsschreibung, in seinen Bahnen wandelnd, wird dies zu erweisen haben. Wie ist aber der Weg, den der moderne Westjude zu.gehen hat? Wir können ihn zweigen: es ist ein „kultureller" und ein „soziologischer", wobei der erstere die notwendige Vorstufe des letzteren, dieser aber die unumgängliche Krönung jenes ist. Wir müssen unser gegebenes Judentum zu einem bewußten und wissenden machen, wir müssen daher tief hinabtauchen in den Strom jüdischen Geisteslebens aller Zeiten; das Wesentlichste wird immer die jüdische Geschichte, vor allem die Kulturgeschichte im weitesten Sinne bleiben; diese umfaßt aber alle eigenartig-wissenschaftlichen, vor allem alle religiösen, philosophischen und literarischen Werke des Judentums. Hierzu aber ist die — nicht nur praktische, sondern von wissenschaftlicher Kenntnis ihres Aufbaus getragene — Beherrschung der hebräischen und der ihr verwandten Sprachen nötig. Dann wird das neue Judentum schauen, seine geistige Umwelt mit jüdischen Elementen zu füllen: der Jude wird der weiten Melancholie und sentimentalen Lustigkeit ostjüdischer Volkslieder lauschen, die Bücher, die ihn umgeben, werden vor allem jüdische sein, er wird sich nach jüdischen Spielen, Märchen, Bühnen sehnen, er wird das, was ihm lebendig dünkt an Festen und Sitten, für sich zu beleben suchen. Er wird all dies nicht einfach übernehmen, sondern aus der Fülle des Überlieferten wird er wählen und sichten. Nur das, was in die Zukunft weist, worin der lebendige Quell vordrängenden, stürmenden jüdischen Herzens zu spüren ist, wird zu ihm sprechen. Eine restlose Übernahme toter Wucherungen hieße, die Wiedergeburt unmöglich machen. Hier ist scharfe Wahl und volle Freiheit nötig. „Lasset die Trten ihre Toten begraben!" Wir aber wollen leben. Und die Sehnsucht dieses Lebens, so bruchstückhaft es noch ist, wird neue Lebensformen aus sich gebären. Keiner kann sagen, wie es sein wird. Aber was wir nicht wollen, wissen wir. „Wir dürfen nur wissen, was wir nicht wollen, so erreichen wir aus unwillkürlicher Naturnotwendigkeit ganz sicher das, was wir wollen, das uns eben erst ganz deutlich und bewußt wird, wenn wir es erreicht haben; denn der Zustand, in dem wir das, was wir. nicht wollen, beseitigt haben, ist eben derjenige, in welchem wir ankommen wollten. So handelt das Volk und deshalb handelt es einzig richtig . . . Nur was das Volk vollbracht hat, das könnt ihr wissen, bis dahin genüge es euch, ganz deulich zu erkennen, was ihr nicht wollt, zu verneinen, was verneinenswert ist, zu vernichten, was vernichtenswert ist" (Richard Wagner). Die neue Lebensform kann aber nur das Volk schaffen, sie kann nur geboren werden in Gemeinschaft. Wer in sich ein großes Ziel trägt, wird immer zur Gemeinschaft gedrängt, über sich in weitere Kreise hinausgetrieben. Auch das Schaffen des Künstlers

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