Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 297 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Das kulturelle Problem des modernen Westjuden 297 ist nicht nur Betätigung seiner Funktionsfreude, Spieltrieb, Entladung innerer Spannungen, es ist soziale Arbeit im Dienste der Gemeinschaft. Wo mehrere zusammen sind, das wissen wir heute, ist nicht bloß eine Summation der Einzelnen vorhanden, sondern, zugleich mit etwas völlig Neues, Größeres, Höheres. „Wo immer sich mehrere Menschen zu einer gemeinsamen, sittlichen Aufgabe vereinen, da ergibt sich zwischen ihnen ein Höheres, ein Überpersönliches, das dem einzelnen als etwas Objektives gegenübersteht, das aber doch wieder tief in seine Seele eindringt, sein Selbst erweitert und ihn zu einer höheren Weihe emporhebt" So erklimmt der Mensch in seiner Tätigkeit für die Gemeinschaft eine höhere Stufe. Goethe, in dessen einzigartigem Leben sich drei Jahrhunderte spiegeln, erweitert den biographischen Roman des 18. Jahrhunderts „Wilhelm Meisters theatralische Sendung" zu einem Kultur- und Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre", der dem 19. Jahrhundert in seinen Besten vorleuchtete, wie er es auch fast einleitete. Meister, der eine „harmonische Ausbildung seiner Natur" anstrebt (V. B., 3. Kap.) erkennt, daß das letzte Ziel aller Persönlichkeitsbildung ist „auf eine würdige Weise tätig sein, Vormund von vielen sein, dasjenige zur rechten Zeit zu tun, was sie doch alle gerne tun möchten", in der Gemeinschaft und für sie zu wirken. Als aber Goethe lebenssatt der Weisheit letzten Schluß zog, da erhob er sich vorahnend in „Wilhelm Meisters Wanderjahren" zu einer Weite, in die ihm vielleicht erst das 20. Jahrhundert folgen wird: Ziel der Bildung ist hier nicht mehr die Persönlichkeit, sondern die menschliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. So führt auch den jungen Juden sein Zionismus in die Gemeinschaft, er lernt die große Bedeutung der Tat Theodor Herzls kennen, der uns den Weg gebahnt hat zu einer Gemeinschaft, die aus den historischen Quellen unseres Wesens strömt, uns urverwandt gewesen und uns wahlverwandt geworden, und die unsere Tiefe in die Breite ihres Lebens weitet. Herzl hat die Form dieser Gemeinschaft geschaffen. Uns aber liegt es ob, den Zionismus, der ein Problem der persönlichen Erziehung, der Persönlichkeitsbildung ist, zur Erziehung des Volkes aus seinen inneren Kräften heraus, zur Sozialpädagogik zu gestalten. Der Zionismus wird sich immer stärker soziologisch orientieren müssen. So wird er nicht nur einzelnen Juden, sondern dem Volke eine neue Stufe werden: und damit eine Bereicherung der Menschheit, die wieder zurückstrahlen wird auf alle Völker. Dies ist der Weg, der uns von Stufe zu Stufe führt. Wir wissen nicht, ob wir die nächste Stufe erreichen werden: die große Synthese all unseres Volkstums und all unserer „Assimilation", nicht .aufgehoben, sondern untrennbar fortwirkend zu schöpferischem Werke. Daß es kommen wird, wissen wir, aber uns wird es wohl nicht gegeben sein. Wir sind das Geschlecht der Wüste. Und wenn wir sterben müssen wie Moses, das heilige Land vor uns, so hat uns auch hier der jüdische Midrasch seine Antwort gegeben: Moses starb im Kusse Gottes.