Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 295

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
Date
1920-01-01
Page
295 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105529--4142-3105605
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Das kulturelle Problem des modernen Westjuden 295 voll würdigen und voll verstehen gelernt, hat sich sie zu eigen gemacht. Er hat die Assimilation überwunden in dem gleichen Augenblicke, wo er sie gänzlich und restlos in sein Wesen aufgenommen hatte. Hiermit hat der moderne Jude aber auch, soweit es ihm möglich ist, die Möglichkeit, die Gesamtheit seiner Anlagen zu entwickeln. Nur hier kann er sein Wesen sammeln und zusammenfassen, wie es fernste Vergangenheit und kaum verrauschte Gegenwart geformt haben. Und er ist eine Stufe höher gestiegen. Das altneue Judentum fand er aus der Assimilation: auch Moses kam aus einer Assimilation, von Kindheit allem Jüdischen fremd, und konnte so aus seinem eigenen Leben den Weg für sein Volk rinden zu einer neuen, höheren Stufe, zu einem Bunde des Einzelnen mit dem Prinzip der Gemeinschaft aus freiem Willensentschluß, so kommt Nehemia aus fremdem Land und fremdem Volk, fast nur, um das Werk der neuen Bundesschließung zu schaffen, so kam Theodor Herzl und wies dem Volke die Bahn zu neuer geistiger Tat Der so geeinte Jude kann aber jetzt auch der allmenschlichen Forderung genügen, die Saint-Simon auf dem Sterbebette seinem treuesten Freunde gegenüber, dem jüdischen Bankier Olinde Rodrigues, aussprach: „Rodrigues, vergiß es nicht, um Großes zu vollenden, muß man begeistert sein . . . Mein ganzes Leben faßt sich in einem Gedanken zusammen: allen Menschen die freie Entwicklung ihrer Anlagen zu ermöglichen." Dem Juden wird so das Judentum aus Hemmung und Gefahr Antrieb und Steigerung. Von innen heraus kann er nun die Gesamtheit seiner Persönlichkeit entfalten, kann sie, in ihre natürlichen Zusammenhänge eingestellt, in Gemeinschaftsbindung zu begeisterter Tat sammeln. Ein neues Weltbild hat sich dieser Jude geschaffen, indem er eine neue geistige Stufe erstieg, ein neues Ziel sich in die Sterne gesetzt, und die Anspannung nach diesem Ziel hin läßt den Juden begeistert leben, Großes vollbringen können. Wieder wie vor hundert Jahren geht ein Bruch durch die Generation. Die Alten (hier sind nicht die Jahre gemeint!) verstehen die Jungen nicht. Ein neues Judentum erwacht. Es stand tastend und suchend da, und man spürte seinen Atem in einigen Büchern und einigen Artikeln, in Worten junger Menschen und in kolonisatorischen Versuchen in Palästina. Heute ist es Warer, mächtiger, greifbarer geworden. Und es wächst immer mehr und steht neben dem allbekannten, offiziellen Judentum, das verfällt. Irgendwie spüren die jungen Juden dies Blühen und der Fruchtentgegentreiben in sich, in der sicheren Einheit ihres Wesens fühlen sie sich aufrechter und freier. Sie leben ernster und bewußt ihrer Verantwortung, die Weite der Zeiten wird ihre Heimat, das Wagnis schreckt sie nicht. So wird der kulturelle Westjude nur im Zionismus der menschlichen Forderung gerecht. Ob aber vom objektiven Standpunkt der Zionismus der Menschlichen Forderung entspricht, kann nur dadurch entschieden werden, ob das Judentum wieder schöpferisch werden und ein bedeutender Ausdruck des sich entwickelnden und seiner bewußt werdenden Weltgeistes wird. Daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.