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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 294

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
Date
1920-01-01
Page
294 (sequence 14)
Language
German
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294 Das kulturelle Problem des modernen Westjuden aber vergessen: sei eine Jüdin!" und nun ist mein ganzes Leben eine Verblutung; jede Bewegung, sie zu stillen, nur Tod; und Unbeweglichkeit mir nur im Tod selbst möglich. Ich kann Ihnen jedes Übel, jedes Unheil, jeden Verdruß da herleiten.") Daß der Glanz dieser Zeit beeinträchtigt wird durch die folgende Assimilation aus Gründen der Wohlfahrt und Bequemlichkeit, einer Zeit schimpflicher Kleinheit und früchtebarer Leere, .entscheidet nichts in der Hauptfrage. Es war damals ein Rausch im Judentum, ein Bruch in den Generationen, eine Wandlung, die notwendig zu einer Erhöhung führen mußte. Aber es war ein Rausch, dem die natürliche Grundlage fehlte, und deshalb, als er verflog, fanden sich die Juden enttäuscht, skeptisch und desillusioniert, und fanden deshalb ihren Weg zu den Gruppen der stets spöttisch zweifelnden Kritiker, der radikalen Zerstörer, der rücksichtslosen Erwerbsmenschen, welche Gruppen — die wohl durch Zeitumstände „verjudet" waren — man (für den Kenner der jüdischen Geschichte fast unglaublicherweise!) schlechthin mit dem Judentum identifizierte. Gleichzeitig begann sich die Natur geltend zu machen; wir wissen heute, daß alles Lebende ein stetig gleitender, untrennbar einheitlicher Fluß ist, der die ganze Vergangenheit in jedem Augenblicke lebendig in sich trägt, nicht aufgehoben, sondern fortwirkend, schöpferisch das Zukünftige aus sich reifend. So begann auch der Jude zu fühlen, daß er vier Jahrtausende hinter sich hat, daß er schon älter auf die Welt kommt als die anderen. Aber er nahm dies als Tatsache der Natur hin, hielt „Engramme" wie alles Naturwissenschaftliche für unabwendbar, fand aber in der Trägheit des Gewohnten nicht die Kraft, das Natürliche in den Bereich des Geistes zu heben. Er begnügte sich mit einer sentimentalischen (manchmal praktisch-apologetischen) Verbrämung seiner natürlichen Vergangenheit, die er gerne zur rührend-interessanten Mumie gestaltete. Er schuf die „Wissenschaft des Judentums" und die Ghettonovelle. Aber notwendigerweise mußte der Jude weiter kommen, als seine bloße „Natur" anzuerkennen. „Aber das macht ihn zum Menschen, daß er bei dem nicht stille steht, was die bloße Natur aus ihm machte, sondern die Fähigkeit besitzt, das Werk der Not in ein Werk seiner freien Wahl umzuschaffen und die physische Notwendigkeit zu einer moralischen zu erheben" (Schiller). Gerade das Beispiel der anderen mußte ihn lehren, sein notwendig Judesein zu einem geistig-moralischen Judesein in freiem Entschluß, in der Anspannung seiner Wesenskräfte zu erheben. Er kam dazu, eine neue Stufe zu erklimmen, indem er die natürliche Vergangenheit in sich zur Herrscherin gestaltete und als Trägerin und Einigerin seines wachsenden Geistes setzte. Damit tilgte er das Deutsche in sich nicht, denn dieses wäre unmöglich gewesen. Das Deutsche, die Zeit der Assimilation, wurde ihm zu einem notwendigen Durchgang, nicht nur zu einer bloßen Negation, sondern zu einer Stufenerhöhung, die ihm sein neues Bewußtwerden, sein Weiterwachsen ermöglichte. Damit hat der Jude die Assimilation, die wie ein fremder Teil bisher in ihm gelegen hatte, eingereiht in den Weg seines Geistes, hat sie

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