Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 293 (sequence 13)
- Language
- German
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Das kulturelle Problem des modernen Westjuden 293 Beer-Hofmann in seinem „Schlaflied an Mirjam" Ausdruck gegeben hat. Aber diese Natur muß Geist werden, muß in unserm Geiste lebendiges, wirkendes Gut werden. Die Judenfrage, als objektive Frage gestellt, hat Ferdinand Avenarius so gefaßt: „die Arbeit von Juden und Nichtjuden derart zu organisieren, daß beide ihre der menschlichen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchstmöglich organisieren können, während sie sich gegenseitig mindestmöglich hemmen". Das ist richtig, aber es bleibt für uns die persönliche Vorfrage, wie wir unsere persönlichen Vorzüge zu höchst entwickeln können, ob als Juden oder als Nicht juden. Diese Frage erscheint überflüssig, und doch bezeugen die verschiedenartigen Antworten, die darauf gegeben werden, ihre Berechtigung. Wie sie von jedem einzelnen entschieden wird, hängt davon ab, was er für ein Mensch ist. Insofern ist — wir haben es schon oben gesagt — diese Frage keine Teilfrage, sondern eine den innersten Wesenskern der menschlichen Totalität erfassende. Keine der Antworten läßt sich mit zwingenden Gründen beweisen; die Entscheidung des Einzelnen fällt aus tieferen Schichten als seiner Denkkraft. So ist die Antwort kein Wissen, sondern ein Glauben; aber ein Glaube, der zweifach die Möglichkeit sichernder Überprüfung gestattet: Denn er kann an der Übereinstimmung mit den Tatsachen des Lebens gemessen werden; er kann untersucht werden auf seine Fähigkeit, Leben steigernd, Wert erhöhend, reifend zu wirken, den Glaubenden über sich hinaus auf eine neue Stufe zu heben. Daß der Gang der Verhältnisse des äußeren Lebens uns recht gibt, das Problem als Juden zu lösen, wird von Jahr zu Jahr klarer. Wir haben diese Lösung nicht von uns, wir haben sie auf dem Wege über die anderen empfangen. Es ist kein Zweifel: gegenüber der — seit der beginnenden steten Judenunterdrückung mit Beginn des 16. Jahrhunderts — völlig versumpfenden und verknöchernden Atmosphäre des Ghettos wirkte die Assimilation als eine Wert steigernde und Kräfte befreiende Tat, als eine höhere Stufe. Wir müssen [uns völlig klar darüber sein, daß diese erste Assimilation im Grunde nur aus geistigen Gründen, aus seelischen Sehnsüchten erfolgte. Frauen, die das Beste unseres Blutes waren, in deren Leben jedes Wort von einer gütigen Weite ist, daß es sich um uns legt wie einer geistigen Mutter Arm, die den Deutschen eigentlich Goethe und ihre große Zeit geschenkt haben, indem sie sie an ihrer empfangenden Tiefe brachen, waren Assimilanten, weil ein höheres Ethos sie belebte. (Und doch schreibt Rachel am 22. März 1795 an David Veit: „Glauben Sie mir — verrückt bin ich nicht — ich fehle nicht gemein; es ist immer ein unumstößlicher Berg die Ursach', wenn man ihn auch nicht sieht: ich fehle nicht gemein. Ich habe solche Phantasie: als wenn ein außerirdisch Wesen, wie ich in diese Welt getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestoßen hätte: „Ja, habe Empfindung, sieh die Welt, wie sie wenige sehen, sei groß und edel, ein ewiges Denken kann ich dir auch nicht nehmen, eins hat man