Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 292 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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292 i Das kulturelle Problem des modernen Westjuden Jahren, es ist indessen ausdrucksreicher und erlebensvoller geworden, aber von jedem einzelnen aus gesehen ist sein Blut unveränderlich, aller Erfahrung vorangehend, alle Erfahrung ermöglichend und bestimmend, weil es der Grund unseres Menschentums ist. Das Blut und das geistige Besitztum, beide durchdringen sich, beide bilden erst den Menschen. Wohl sind wir an sich vom Blute bestimmt, aber unser offenbares Sein, unsere Ausdrucksmöglichkeiten hängen von unserm geistigen Besitztum ab. Bei den meisten Menschen ist nun ihr geistiges Besitztum die natürliche Fortsetzung ihres Blutes, seine Blüte und seine Frucht, das Geistige wird in ihnen Natur und die Natur wird immer wieder Geist. Diesen Menschen ist ihre Einstellung in die Geschichte ein Naturgegebenes, ohne Schwanken finden sie die Harmonie zwischen dem geistigen Besitztum ihrer Lebenszeit und dem Blute der Jahrhunderte. Uns aber, deren geistiges Besitztum nicht seinen natürlichen Quell in unserem Blute hat, wird unser Volkstum aus einer Naturgegebenheit eine Aufgabe, eine Tat. Volkstum bedeutet hier mehr als Rasse und Land, es bezeichnet das große Problem der deutschen klassischen Zeit, die Bildung des Menschen, als Entfaltung der seelischen Kräfte von innen heraus. Das heißt aber, das, was uns Natur der Jahrhunderte ist, zu Geist zu gestalten und mit allem Geistigen der anderen in fruchtbringende Wechselbeziehung zu setzen. Den anderen ist dies infolge der Einheit ihres Wesens leichter; wir müssen tiefer schürfen. In uns ist eine Zweiheit; dies anzuerkennen und zu bejahen, ist selbstgenügsam und leicht. Nur täuscht man sich dabei: gerade diese Juden bilden nicht ihre Anlagen vollseitig-harmonisch aus, sondern sie bilden nur ihr geistiges deutsches Besitztum aus, dessen Träger aber, ihre jüdische Natur, verkümmert immer mehr, denn was wir nicht pflegen, was wir nicht in das. Bewußtsein heben und zu Geist, zu gelebtem Geist umformen, auch das bleibt unvertilgbar, aber es wird totes Gerümpel, Gespenster, die nur manchmal, zu unserm Erstaunen, unerklärlich ihr Wesen treiben und uns Boten des Dunkels, des überwundenen Chaos dünken. Wir aber wollen zu einer allseitigen Ausbildung unserer Persönlichkeit gelangen. Dies geht uns aber nicht durch Gewährenlassen, sondern durch tätiges Wirken. Auch wir wollen nicht auslöschen, keine Seite unseres zwie- und mehrspältigen Seins vertilgen, „doktrinär" die Vielheit auslöschen; wohl aber wollen wir sie zu einer Einheit binden, zu einer Sammlung verweben, in der alle Seiten ihre geistig-bewußte Vervollkommnung finden. Diese Sammlung, diese Synthese ist eine schwere Aufgabe. Dem andern, dem Nichtjuden ist die Harmonie eine rein individuelle Frage, sie ist ihm jederzeit möglich, sie liegt vor ihm als Aufgabe, wir müssen uns erst diese Aufgabe erobern. Sie ist uns möglich wie den anderen, sie fordert aber eine neue, wesentliche Bewußtwerdurig. Die Synthese, die wir schaffen können, kann aber nur auf dem Erbe der Jahrtausende, unserer Natur aufgebaut sein, nicht auf den Errungenschaften von 30 Jahren. Nur jene Natur, das Blut, das Ruhen in ihm kann uns jene sichere Festigkeit, jenes natürlich-dumpfe Reifen, jenen inneren Trostesglanz geben, dem Richard