Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 291 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Das kulturelle Probiem des modernen Westjuden 291 des großen Urjudentums in sich, das er verkannte, aber auch nicht des Gegenwartsjudentums in sich, das er haßte und fürchtete. Und die Spannung und der Kampf dieser zwei Kräfte in ihm, die seit Urbeginn im Judentum miteinander ringen wie in jedem Juden, ward zu stark: er konnte ihn nicht mehr ertragen. Es ist schwer zu verstehen vielleicht; aber Otto Weininger starb daran, daß er zu sehr Jude war. 2. Unser Weg So ist das Judentum unvertilgbar in uns. Wir müssen ihm Rechnung tragen. Aber ebenso sitzt in uns allen auch Unjüdisches, Fremdes. Wie nun beides vereinen? Wir glauben nicht, daß Land, Sprache und Sitte nur Äußeres sind, konstante Formen allen Erlebens der Umwelt, wie Buber sie genannt hat, auch sie sind ein unverlierbarer Teil unseres Innern, sind nicht nur Form des Erlebens der Umwelt, sondern auch der Innenwelt, ja sie sind nicht nur Form, sondern Inhalt und Stoff des Erlebens. Ich spreche und denke in mehreren Sprachen, aber meine innersten Gefühle und Regungen kleiden sich in deutsche Laute, ich habe viele Landschaften gesehen und doch durchzieht meine Träume das böhmische Terrassenland, liegt es allen meinen Schlüssen unbewußt zugrunde wie die Sitte meines Elternhauses. Es ist auch nicht so, wie dem Deutschen Shakespeare oder Buddha vertraut geworden sind; denn im Tiefsten erlebt der Deutsche Shakespeare und Buddha doch in deutscher Sprache und deutscher Sitte, wie die Maler des Mittelalters naiv die Heiligenlegende erlebt hatten; und wir deutschen Juden erleben Shakespeare und Buddha ebenso in deutscher Sprache und deutscher Sitte, und doch anders als der nichtjüdische Deutsche. Dieses „anders" ist kein „schlechter" und bedingt auch kein gegenseitiges, notwendiges Un- oder Mißverständnis. Durch unsere seltsame Geschichte und die Rationalisierung der Jahrhunderte haben wir ein feineres Einfühlungsvermögen in die Art anderer erhalten, eine Weite des Verständnisses, daß es nicht überheblich ist zu sagen, daß wir die anderen tiefer und besser verstehen als sie uns. Dazu mag kommen, daß seit hundert Jahren die anderen uns Gegenstand der Liebe und Vorbild waren, wir ihnen aber meistens — im besten Falle — gleichgültig. Aber das „anders" Verstehen spüren wir und spüren sie. Und das führt zum Nachdenken, zur Besinnung, zur Bewußtwerdung. Und wenn wir der Frage ehrlich und tief nachgehen, dann spüren wir, daß wir gemischt sind und wie wir vereinigt sind. Wir sehen, daß all unser geistiges Besitztum, das wir uns in den Jahren der Schule und den Jahren des Lebens angeeignet haben, deutsch ist, daß es aber aufgebaut wurde auf einem uns von Natur aus eigenen Grundstock, der es auch geformt, ihm eine besondere Note gegeben hat. Diesen Grundstock haben vier Jahrtausende Geschichte geschaffen, auch er war Geist, er war geistiges Besitztum, er ist aber schon Natur geworden. Buber hat diesen Grundstock „Blut" genannt, er ist nicht unveränderlich, er ist geworden im Laufe der Zeiten, und das Schicksal jeder Generation hat an ihm mitgearbeitet; unser Blut ist nicht mehr das unserer Ahnen vor zweitausend 19*