Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 290 (sequence 10)
- Language
- German
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290 Das kulturelle Problem des modernen Westjuden So sagt auch im tiefsten Drama, das wir in jüdischer Sprache besitzen, in Perez' „Goldener Kette", der Rabbi, der den ewigen Sabbath, den Tag der Tage herbeiführen will: „Ich mache heute die Hawdalah nicht. Ich trenne nicht mehr, was vereinigt war." Und so spricht auch Weininger in einem Aphorismus: „Am Karfreitagstag, dem Weltentsühnungstag, findet sich von selbst alles zusammen." (ib. S. 91). Ihm war die Taufe kein „Entreebillet zur europäischen Kultur"; Weininger war 80 Jahre jünger als Heine und stand mitten in der europäischen Kultur darin; er wollte in der Taufe wirklich Jesus folgen. Mag sein, daß die urjüdischen Tendenzen in Jesu Persönlichkeit auf das Urjüdische in Weininger besonders einwirkten, jedenfalls war er, wie sein Freund Rappaport schreibt, „fest überzeugt, daß noch niemand die Persönlichkeit und die Motive Jesu Christi so tief verstanden habe, wie er". Ihm spitzte sich das Leben auf die große, freie Willensentscheidung des Einzelnen für Gott und die völlige Hingabe an ihn zu, wie allen großen Juden; liegt doch dem Gedanken des Bundes im Alten Testament die Ansicht zugrunde, daß der Mensch sich entscheiden müsse in freier Wahl für Gott oder das Nichts. (Ex. 24; Deut. 26, i7ff; Jos. 24, I. Kön. 18 usf.) Der Mensch „bestimmt selbst in Freiheit sein künftiges Leben, er wählt Gott oder das Nichts. Nach einer dieser beiden Richtungen schreitet er immer fort. Ein Drittes gibt es nicht." So faßt Weininger das jüdische Urproblem, sein eigenes Urproblem in wenige Worte, die wie Kernworte Baal-Scherns, des Meisters der Chassidim, anmuten. In anderen Zeiten wäre er ein Nachfolger der jüdischen Propheten geworden; so fraß aber in ihm das Assimilationsjudentum, das Wiener Kaffeehaus, und er spürte diese Gefahr und haßte darum das Judentum (er sagt einmal, Schiller sei Antisemit gewesen, weil er so jüdisch gewesen sei*) und konnte seiner nicht frei werden: nicht *) „Wie man im andern nur liebt, was man gern ganz sein möchte und doch nie ganz ist, so haßt man im andern nur, was man nimmer sein will und doch immer zum Teile noch ist." (Geschlecht und Charakter, S. 413.) Wenn jemand das jüdische Wesen in anderen verfolgt, ist es „nur sein Versuch, vom Jüdischen auf diese Weise sich zu sondern; er trachtet sich von ihm zu scheiden dadurch, daß er es gänzlich im Nebenmenschen lokalisiert, und so für den Augenblick von ihm frei zu sein wähnen kann." Aber von diesem jüdischen Antisemiten gilt, daß er „vom Judentum nie gänzlich loskommen kann". (S. 414.) Er selbst war die reinste Ausprägung des misautischen Typus, den er selbst beschreibt („Über die letzten Dinge", S. 26ff.). Wie wahr sagt er von sich: „Die Selbsthasser werden immer von sich sagen, sie könnten nur einen Menschen lieben, der gar keine Ähnlichkeit mit ihnen habe — weil sie überhaupt nicht lieben können und doch das stärkste Bedürfnis danach haben zu lieben. Womit sie Ähnlichkeit haben, das können sie nur hassen und so versuchen sie ihr Liebesbedürfnis an solchen zu befriedigen, die ihnen nicht gleichen, ohne daß ihnen dies je gelingen kann", (ib. S. 28.) Weininger, der in all seinen Ansichten von Gut und Böse so von urjüdischen Tendenzen in ihm abhängig ist, konnte doch jenen Satz schreiben, der das Unwahrste ist, was über den Juden gesagt worden ist: „Der Jude belädt sich mit gar keiner Schuld (und also auch mit keinem Problem). Seine Schuld ist es, die Zeit nicht einmal zu setzen, den Endzweck und den Weltprozeß nicht zu wollen, weder Gut noch Böse zu wollen." (ib. S. 178.) Da sagt jede Zeile gerade das Gegenteil dessen, was wahr ist, das polare, kontradiktatorische Gegenteil.