Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 289 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das kulturelle Problem des modernen Westjuden 289 konträre Teile: M und W, Masochisten und Sadisten, Sucher und Priester, philautische und misautische Menschen. Überall Zweiheit: Entzweiung, die im Kampfe zur Einheit strebt. Wie das Leben seiner Seele ein ständiger Kampf war, so ist ihm auch alles auf Erden, jeder Mensch, ein Kampfplatz, jedes Ereignis eine Kampfesentscheidung zweier entgegengesetzter Tendenzen. Wir haben hier vielleicht das stärkste Beispiel, wie die Polarität der jüdischen Seele in ethischer Einseitigkeit ein geschlossenes Weltbild formt. Alles ist Kampf, alles Aufgabe, Forderung, alles ist im Grunde Wille zum Wert, zur ethischen Formung. Jüdisch ist, wie ihn das Problem der Zeit beunruhigt*)**). In seinem Aufsatz „Das Zeitproblem" nähert er sich der Ansicht Henri Bergsons; er sieht in ihr vor allem das Einmalige, das nie Wiederkehrende und gerade dies macht die ethische Bedeutung der Zeit aus***). Die Zeit ist ihm keine bloße apriorische Form oder Kategorie, sie hängt mit dem Wesen der Welt zusammen, ist ethischrintelligibel, gibt der Welt ihren Sinn. Deswegen ist für Weininger das Sittliche an die Zeit gebunden. Das harmonischste Gebilde, das die Griechen kannten, das Raumideal, Kreis und Kugel, gelten ihm geradezu als unmoralisch. Die Willensanspannung in einer Richtung, nach vorne in die Zukunft hinaus, die Eindimensionalität*) erscheint ihm als sittliche Tat. Weil wir zu tiefst wollende Wesen sind, wirken wir in die unendliche Zukunft, leben wir in der Ebene der Zeit. „Die Einsinnigkeit der Zeit ist identisch mit der Tatsache, daß der Mensch zu tiefst ein wollendes Wesen ist. Das Ich als Wille ist die Zeit. Das realisierte Ich wäre Gott; das Ich auf dem Wege zur Selbstrealisierung ist Wille." („Über die letzten Dinge", Braumüller, Wien3 1912, S. 104.) Dieses Streben der Seele aber geht Weininger nicht nur in die Zukunft hinaus, es geht auf die Einheit, auf die Überwindung des Dualismus. Ihm ist die Einheit der Welt, die Totalität des Alls nur ein Bild der Einheit der zur Einheit durchgedrungenen Menschenseele. Wie die Propheten, wie Spinoza aus der Einheitstendenz der jüdischen Seele ihr gewaltiges kosmisches Totalitätsbild geschaffen haben, so kann auch bei ihm nur die geeinte Seele das All in seiner Einheitlichkeit umfassen. (S. auch M. Rappaport im Vorwort zu „Über die letzten Dinge.") Wie der jüdischen Mystik ist auch ihm die Einswerdung, die Heimkehr aus der Zweiheir, die Entsühnung. Der Sabbath ist der jüdischen Mystik der Tag, wo die zerfallenen Welten sich zur Einheit bilden, wo die Allharmonie herrscht, bis am Sabbathausgang wieder die Trennung, die Hawdalah, ausgesprochen wird und der Kampf der Welten wieder beginnt. *) Siehe dazu meinen Beitrag: „Der Geist des Orients** im Sammelbuche „Vom Judentum" hsg. vom Prager Hochschülerverein Bar Kochba, Verlag Kurt Wolff, Leipzig 1913. **) In einem Brief aus Sorrent (Vorwort zu „Über die letzten Dinge") sagt er: „Für die Griechen hat es im engern Sinne keine Einsamkeit und kein Zeitproblem gegeben." ***) Wie Henri Bergson sichert auch ihm das Gedächtnis die Kontinuität seelischen Lebens und der Zeitdauer. Ihm ist das Gedächtnis das sicherste Zeichen der Begabung (Geschlecht und Charakter II. Teil, V. Kap,, S. I45ff.), das Kontinuttätslose ist ihm das Unmoralische. H*t5/6. 10