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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 288

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
Date
1920-01-01
Page
288 (sequence 8)
Language
German
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288 Das kulturelle Problem des modernen Westjuden Wandlung durch, eine „Umkehr", die ihn vom Empiriokritizismus Avenarius* forttreibt, da gerade diese Philosophie den ethischen Fragen ausweicht, von jetzt an beherrscht ihn nur noch der Gottesbegriff und der Begriff von Gut und Böse, Genialität ist ihm höchste Sittlichkeit. „Der genialste Mensch ist der frömmste Mensch." „Ein Mensch kann innerlich an nichts anderem zugrunde gehen als an einem Mangel an Religion." Mehr noch: Genialität ist ihm in echt jüdischer Weise eine Aufgabe, eine unendliche Forderung. „Genialität ist die höchste Sittlichkeit und darum Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch durch einen höchsten Willensakt", [Man vergleiche Bergsons Intuition!] „indem er das ganze Weltall in sich bejaht; Genialität ist etwas, das die „genialen Menschen" auf sich genommen haben, es ist die größte Aufgabe und der größte Stolz, das größte Unglück und das größte Hochgefühl, das einem Menschen möglich äst. So paradox es klingt, genial ist der Mensch, wenn er es sein will." (Geschlecht und Charakter, S. 236). Und ebenso jüdisch ist seine Definition: „Gott ist die Bestimmung des Menschen, Religion ist die Erneuerung der Welt durch die Tat." (Über die letzten Dinge, S. 140.) Weininger kann die Welt nicht anders sehen als polar, der ethische Dualismus beherrscht ihn vollständig. Die Polarität erklärt ihm alles: „Bis jetzt erwies sich die Annahme einer Polarität der Extreme als die einzig brauchbare. Es scheint so auch in den meisten übrigen charakterologischen Dingen etwas wie Polarität zu geben." (Geschlecht und Charakter, S. 99.) Er sieht überall Dichotomie, die ganze Menschheit zerfällt ihm in in Otto Weininger dieses offizielle Judentum, daß sein eigener Ahnenstolz so gering war, daß er ein Kapitel über die Juden schrieb, ohne die Bibel zu kennen, sonst hätte er erfahren, daß seine Forderung, die Zweiheit im Entschlüsse zu überwinden und so das ganze, ungeteilte Ich in sich einzusetzen, als urjüdische die Bibel durchzieht. Aber das Urjüdische in sich hielt er für germanisch. „Aus jenem Grunde ist aller Zionismus so aussichtslos, obwohl er die edelsten Regungen unter den Juden gesammelt hat: denn der Zionismus ist die Negation des Judentums, in welchem, seiner Idee nach, die Ausbreitung über die ganze Erde liegt." „Die Juden müßten erst das Judentum überwunden haben, ehe sie für den Zionismus reif würden." So nahe war Weininger der Erkenntnis, daß der Zionismus die Negation des „offiziellen" Judentums, eine Welle des „unterirdischen" ist, wie es Theodor Herzl in einer genialen Intuition in seinem „Mauschel" ausgesprochen und Martin Bub er begründet hat. Weininger selbst aber war der Weg des Zionismus, des Lebens verwehrt, und da er das „offizielle" Judentum in sich mit sittlichem Ernst negieren und überwinden wollte, blieb ihm nur der Weg des Todes. — An einer Stelle (Über die letzten Dinge, 65 ff.) kommt er dem Judentum bewußt so nahe wie nie. Er zählt die Juden wie die Nordländer zu den Masochisten, zu jenem Typus, der „die Realität im Ganzen, in der Totalität des Alls und seinem unendlichen Zusammenhang" sieht, dem allein der eigentliche Begriff Gottes des Absoluten, des Sinns verständlich ist, der der mystische Mensch ist, der Bilder und Statuen nicht lieben kann, weil darin zu wenig Realität (Aktivität) ist, dem dagegen schon als Kind Uhren, Kalender das größte Rätsel sind, „weil ihm die Zeit stets Hauptproblem ist". Weininger selbst war nach seiner Einteilung „Masochist"; es ist dies der einzige Fall, wo er den Juden im allgemeinen mit jenen Eigenschaften ausstattet, die er tatsächlich besitzt und die er ihm so oft sonst rundweg abspricht.

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