Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das kulturelle Problem des modernen Westjuden 287 2. Auflage seines „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" für die Bibel nur die übermenschlich-stolzen und doch so demütigen Worte, die einst Jesus Sirach (24, 32—39) gesprochen hatte. Ich habe Heinrich Heine herangezogen; man kann Ähnliches bei jedem anderen auch zeigen. Das Judentum wird keiner los. In jedem sitzt es zu tiefst. In demjenigen aber, in dem es ganz mächtig und wirkend ist, den es ganz beherrscht, in dem wird es zum großen Gegner, zum Urtrieb in sich, der bekämpft, niedergerungen werden muß; jetzt handelt es sich nicht mehr, wie bei Heine, eine höhere Einheit zwischen Germanen und Juden zu schaffen, zwei Gegensätze als Verwandtschaft zu empfinden, jetzt wird die Frage Germanentum-Judentum als offener Kampf gestellt. In Otto Weininger, dem Wiener, der mit 22 Jahren sich taufen ließ und mit 23 seinem Leben ein Ende machte, wird dieser Kampf aus Notwehr geführt. Ihm ist alles Schlechte — das Jüdische, denn er kennt nur ein Judentum, und das ist jenes oberflächlich-unechte Judentum, wie es gerade in Wien seine natürliche Heimstätte findet. Er kennt nur Juden, die „sich immer blasiert und gelangweilt fühlen1*, deren höchster Aufschwung der „verlogene Enthusiasmus des Fortschrittsphilisters" ist, die in alles ihre „positivistische Veranlagung" hineintragen, als „sentimentale Schmöcke" Kunst diskutieren, im Grunde „nichts ernst nehmen" und über „alles Tiefere, über Gott, lächeln". In all dem liegt eine solche Verkennung des Judentums, wie es außerhalb einiger Großstadtkaffeehäuser seit Jahrtausenden lebt, das sie zum Lächeln reizte, läge nicht ein Stück seelischer Wahrheit darin, denn Weininger spürte dieses Assimilationsjudentum, das er Judentum schlechthin nennt, als eine Gefahr seines eigenen Wesens in sich und bekämpfte es und stellte ihm die guten jüdischen Tendenzen seines Ich gegenüben Er fühlte aber wohl die völlige Gegensätzlichkeit dieser beiden Ichs in ihm, und da ihm der Gedanke einer Polarität, eines Kampfes im Judentum und im einzelnen Juden zwischen zwei völlig konträren Tendenzen nicht kommen konnte, projizierte er alles, was er gut in sich fühlte, auf das Nichtjüdische, das Germanische*). Und ist doch die ganze Problemstellung aller seiner Gedanken völlig jüdisch. Für ihn gibt es im Grunde nur ein Problem — und diese Einseitigkeit schon ist jüdisch — das ethische. Zwei Jahre vor seinem Tode macht er eine völlige innere *) Er hat das Judentum aus Chamberlain und seinen persönlichen Erfahrungen kennen gelernt und gibt darum eine Schilderung des „offiziellen" Judentums, die in sich und auf den fin du siecle angewandt viel Richtiges enthält und doch verzerrt und übertrieben ist. Daß in jedem Juden auch ein Stück des anderen, des „unterirdischen", des großen Urjudentums steckt, sieht Weininger recht wohl, denn kein Jude entspricht ihm völlig der Idee seines „offiziellen" Judentums. Wie scharf sieht er die Assimilation seiner Zeit: »Der Arier schätzt seine Ahnen, weil er die eigene Vergangenheit immer höher hält als der schnell sich verwandelnde Jude, der pietätlos ist, weil er dem Leben keinen Wert spenden kann. Ihm fehlt jener Ahnenstolz vollständig, den selbst der ärmste, proletarischste Arier noch in einem gewissen Grade besitzt, er ehrt nicht, wie dieser seine Vorfahren, weil sie seine Vorfahren sind, er ehrt nicht in ihnen sich selbst." So stark war