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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 286

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
Date
1920-01-01
Page
286 (sequence 6)
Language
German
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286 Das kulturelle Problem des modernen 'Westjuden Wahlverwandtschaft mit dem jüdischen Moralprinzip, überhaupt dem Judaismus. Die Juden waren die Deutschen des Orients, und jetzt sind die Protestanten in den germanischen- Ländern nichts anderes als altorientalische Juden." Und wenn er von dem grundlegenden Einfluß der Bibel auf das deutsche Geistesleben spricht, findet er, daß in den germanischen Ländern „das Palästinatum sich so geltend gemacht hat, daß man sich dort unter Juden versetzt zu sehen glaubt . . . Das Echte, Unvergängliche und Wahre, nämlich die Sittlichkeit des alten Judentums, wird in jenen Ländern ebenso gotterfreulich blühen, wie einst am Jordan und auf den Höhen des Libanons . . . das jüdische Volk "hatte immer sehr große Wahlverwandtschaft mit dem Charakter der germanischen Rasse. Judäa erschien mir immer wie ein Stück Okzident, das sich mitten in den Orient verloren". Auch für Heine wurde das Wort Meister Eckharts wahr: „Das schnellste Tier, das euch trägt zur Vollkommenheit, ist Leiden." Und in der Wandlung, die mit ihm. in seiner Matratzengruft vorging, wurde er, was er in seinen spöttisch-tollenden Jahren im Traumbild des kleinen Simson erschaut hatte. Die Bibel wird ihm der Urquell*). Dort findet der müde Wanderer, der in der Verbannung sterben muß, eine Heimat, die Jahrtausende alte Heimat seines Stammes. Dort sprechen zu ihm laute Stimmen, die er auch im Rauschen seines Blutes vernimmt. Und Moses wird ihm groß, der einen armen Hirtenstamm nahm „und daraus ein Volk schuf, das den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen andern Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte: er schuf Israel." Der Stolz seines Blutes wird in ihm lebendig, er spürt den Zauber der jüdischen Geschichte, das Rätsel der Jahrtausende weht ihn an, die Würde, der Enkel, der Erbe und der Wahrer zu sein, durchschüttert diesen Mann des frivolen Spottes und er findet in der Vorrede zur *) Schon vorher hatte er die Bibel gefunden. Schon in Helgoland, am 8. Juli 1830, schreibt er: „Welch ein Buch! groß und weit wie die Welt, wurzelnd in die Abgründe der Schöpfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels . . . Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verheißung und Erfüllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit, Alles ist in diesem Buche . . . Die Juden sollten sich leicht trösten, daß sie Jerusalem . . . eingebüßt haben — solcher Verlust ist doch nur geringfügig in Vergleichung mit der Bibel, dem unzerstörbaren Schatze, den sie gerettet . . . Ein Buch ist ihr Vaterland, ihr Besitz, ihr Herrscher, ihr Glück und ihr Unglück. Sie leben in den umfriedeten Marken dieses Buches, hier üben sie ihr unveräußerliches Bürgerrecht, hier kann man sie nicht verjagen, nicht verachten, hier sind sie stark und bewunderungswürdig. Versenkt in die Lektüre dieses Buches, merkten sie wenig von den Veränderungen, die um sie her in der wirklichen Welt vorfielen; Völker erhüben sich und schwanden, Staaten blühten empor und erloschen, Revolutionen stürmten über den Erdboden — sie aber, die Juden lagen gebeugt über ihrem Buche und merkten nichts von der wilden Jagd der Zeit, die über ihre Häupter dahinzog." Ähnlich spricht er sich am 29. Juli über den Stil der Bibel aus und zieht Shakespeare zum Vergleich heran. Zugleich stellt er Judaismus und Hellenismus als die beiden tragenden Pole des Weltgeschehens dar und fragt: „Ist vielleicht (die) harmonische Verbindung der beiden Elemente die Aufgabe der ganzen europäischen Zivilisation?"

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