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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 285

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
Date
1920-01-01
Page
285 (sequence 5)
Language
German
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Das kulturelle Problem des modernen Westjuden 285 und Haß dafür erduldet, oder sich gar dafür totschlagen lassen. Jedes Blatt darin hat Tränen und Blut gekostet, es ist das aufgeschriebene Vaterland der Kinder Gottes, es ist das heilige Erbe Jehovas." Und Simson hört mit geschlossenen Augen aus dem Buche der Richter das 16, Kapitel von seinem großen gleichnamigen Stammesgenossen, dem löwenstarken Simson und es ist ihm, als lebte er das alles mit, als sei er eins geworden mit seinem Vorfahren, als hörte er Schafe blöken, die am Jordan weiden, und die Philister, ja auch die kennt er, haben sie ihn ja bedrängt sein Leben lang und aus dem Tanzsaal hinausgeschmissen, ist es doch ein- und dasselbe uralte Lied, das im Blute des späten Enkels lebendig wird, wer trennt sie noch, den kleinen, verwachsenen Simson, der zu Leyden in Holland lebte, und den gewaltigen Simson im fernen Morgenland? Und der schwache Zwerg wird auf dem Totenbette eins mit seinem Urahnen, und wie der Riese in einer unendlichen Anspannung aller Kräfte zwei Säulen faßte und sie neigte und sich und die Feinde unter den Trümmern begrub, da „öffnete auch der kleine Simson seine Augen geisterhaft weit, hob sich krampfhaft in die Höhe, ergriff mit seinen dünnen Ärmchen die beiden Säulen, die zu Füßen seines Bettes, und rüttelte daran, während er zornig stammelte: Es sterbe meine Seele mit den Philistern! Aber die starken Bettsäulen blieben unbeweglich, ermattet und wehmütig lächelnd fiel der Kleine zurück auf seine Kissen, und aus seiner Wunde, deren Verband sich verschoben, quoll ein roter Blutstrom." Es ist, als hätte Heine seine eigene Rückkehr zur Bibel seiner Ahnen, zwanzig Jahre nachher, vor seinem eigenen Tode, mit starken Strichen vorgezeichnet. Als im Jahre 1840 die Blutmärchenbeschuldigungen die bekannten Judenmassakres in Damaskus erregten, empörte sich in Heine sein jüdisches Blut. Er findet vor allem scharfe Worte gegen die französischen Juden, von denen dreißigfache Millionäre zur Rettung ihres ganzen Stammes keine hundert Franks gäben. 1844 anläßlich des Todes Ludwig Marcus', sprach er warm beredt von den Bestrebungen dieses Mannes, an der Regeneration des jüdischen Volkes zu arbeiten, eine Zeit, die ihm „als die sonnigste Blütenstunde seines kümmerlichen Lebens" erschien. Und wenn Heine über Spinoza schreibt, bei dessen Lektüre ihn „ein Gefühl wie beim Anblick der großen Natur in ihrer lebendigsten Ruhe" ergreift, da weiß er sich „den gewissen Hauch in den Schriften des Spinoza, der unerklärlich ist" nicht anders zu deuten als durch sein Blut: „Der Geist der hebräischen Propheten ruhte vielleicht noch auf ihrem späten Enkel". So liebt Heine beides, Germanen und Juden, und schmäht oft beides, weil er sie liebt, schmäht und wird ungerecht vielleicht auch aus innerer Haltlosigkeit, weil er nicht verstanden hat, eine Synthese in sich zu schaffen. Und weil er beide liebt, erscheinen sie ihm ähnlich, ja gleich, Völker verwandter geistiger Art, Brüder, der eine vom Nordseestrand und der andere von Asiens Gestaden. „Die Juden — dieses Volksgespenst, das bei seinem Schatze, der Bibel, unabweisbar wachte! Vergebens war der Exorzismus—Deutsche hoben ihn." „Die Germanen ergriffen das Christentum aus

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