Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 284 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105529--4131-3105594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
284 Das kulturelle Problem des modernen Westjuden befände sich irgendwo ein Exemplar von diesem Volk, man würde hundert Stunden reisen, um es zu sehen und ihm die Hand zu drücken — und jetzt weicht man uns aus/' Dabei erkennt er sehr wohl die Grundeigenschaft des jüdischen Geistes, seine Gegensätzlichkeit und Polarität, seine Hinneigung zu Extremen: „Die Juden, wenn sie gut, sind sie besser, wenn sie schlecht, sind sie schlimmer als'die Christen." So lautet auch eine schöne Stelle seines Angriffes auf Ludwig Börne, wo neben der Erkenntnis der Polarität auch seine ununterdrückbare Liebe zum Judentum sich Bahn bricht: „Die Juden sind aus jenem Teig, woraus man Götter knetet; tritt man sie heute mit Füßen, fällt man morgen vor ihnen auf die Kniee; während die einen sich im schäbigsten Kote des Schachers herumwühlen, ersteigen die anderen den höchsten Gipfel der Menschheit; und Golgatha ist nicht der einzige Berg, wo ein jüdischer Gott für das Heil der Welt geblutet. Die Juden sind das Volk des Geistes und jedesmal, wenn sie zu ihrem Prinzip zurückkehren, sind sie groß und herrlich und beschämen und überwinden ihre plumpen Bedränger. Der tiefsinnige Rosenkranz vergleicht sie mit dem Riesen Antaeus, nur daß dieser jedesmal erstarkte, wenn er die Erde berührte, jene aber, die Juden, neue Kraft bekommen, wenn sie mit dem Himmel in Berührung kommen. Merkwürdige Erscheinung der grellsten Extreme! Während unter diesen Menschen alle möglichen Fratzenbilder der Gemeinheit gefunden werden, findet man unter ihnen auch die Ideale des reinsten Menschentums, und wie sie einst die Welt in neue Bahnen des Fortschritts geleitet, so hat die Welt vielleicht auch noch weitere Initiationen von ihnen zu erwarten . .!" Er sieht die Fehler in der Lage des heutigen Judentums. „Ein Jude sagt zum andern: ,Ich war zu schwach/ Dies Wort empfiehlt sich als Motto zu einer Geschichte des Judentums." Er nennt die Juden ein „Volksgespenst", er sieht in diesem halben, gespenstischen Volkstum die Gefahr und doch glaubt er an seine künftige Größe: „Für das Porzellan, das die Juden einst in Sachsen kaufen mußten, bekommen die, welche es behielten, jetzt den hundertfachen Wert bezahlt. — Am Ende wird Israel für seine Opfer entschädigt durch die Anerkennung der Welt, durch Ruhm und Größe." So bricht inmitten allen Spottes und aller Reue der Pariser Tage im Dichter die messianische Hoffnung durch. Das „böse Gebreste", das Judentum, haftet ihm an, „das tausendjährige Familienübel, die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage", ein „unheilbar tiefes Leid", gegen welches kein Mittel auf Erden, keine Kunst und Wissenschaft etwas vermögen. 1831 schreibt Heine seine Novelle „Aus den Memoiren des Herrn v. Schnabelewopski" und fast scheint es, als sei dieses Fragment nur wegen seines Schlusses, des Todes des kleinen Simson, geschrieben worden und als hätte es gar nicht weitergeführt werden können, als hätte es hier abbrechen müssen. Der kleine Simson liegt an einer im Duell empfangenen Wunde im Sterben, da läßt er sich aus der Bibel vorlesen. „Das ist ein liebes Buch," sagt er. „Meine Vorfahren haben es in der ganzen Welt mit sich herumgetragen, und gar viel Kummer und Unglück und Schimpf