Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 283 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105529--4130-3105593- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das kulturelle Problem des modernen Westjaden 283 Gefahr in sich spürt. Heinrich Heine hat die Schönheit der Nordsee, des Harzes und des Rheins in zauberischen Weisen zu singen vermocht. Und zur gleichen Zeit, da sein Auge in hellenischer Formentrunkenheit auf den Zügen seiner Heimat weilt, bricht aus ihm ein tausendjähriges Lied, das alles andere übertönt. Er schreibt den „Almansor", diese unter maurischer Verkleidung einhergehende Tragödie und Verherrlichung jüdischen Rassen- und Glaubensstolzes, und den „Rabbi von Bacharach" begleitet er mit den Versen: „Brich aus in lautes Klagen, * Das ich so lang getragen Du düstres Märtyrerlied, Im flammenstillen Gemüt!.. Und beim Anblick der Nordsee in Norderney heißt es: „Nationalerinnerungen liegen tiefer in der Menschenbrust, als man gewöhnlich glaubt. Man wage es nur, die alten Bilder wieder auszugraben, und über Nacht blüht hervor auch die alte Liebe* mit ihren Blumen." Er fühlt sich als der Fichtenbaum, der einsam im Norden auf kahler Höh' steht und von einer Palme träumt, die fern im Morgenland einsam und schweigend trauert auf brennender Felsenwand; und als er sieben Jahre später den Neuen Frühling dichtet, da schickt er ihm diese Antithese voraus als Motto. Inzwischen läßt er sich taufen. „Der Taufzettel ist das Entreebillet zur europäischen Kultur." Und er will „Europäer" werden. Aber bald merkt er, er kann vom Judentum nicht los, es sitzt zu tiefst in seinem Blute, er spürt die ganze Tragik seiner Stellung, das Hin- und Hergerissensein des Wandermüden, aber auch die ganze Lächerlichkeit des Assimilierten, des den reinen Europäer Spielenden, den doch jede Geste seines Körpers und die Träume seiner Seele an das gemahnen, was ihn nur verließe, wenn alles Blut seinem Körper entströmte*). Mit einer Bitterkeit sondergleichen verfolgt er, der Getaufte, die Getauften und Baldgetauften, erspäht ihre geheimen Blößen, überschüttet sie mit beißendem Spott. All sein Schaffen enthält etwas von seiner Auseinandersetzung mit dem Judentum. Er haßt es, weil er nicht davon los kann. Und doch spürt er seine Größe, und doch muß er es lieben. „Ich liebe sie (die Juden) persönlich." Aber die Größe der jüdischen Vergangenheit wird nicht erfüllt in dem lebenden Geschlecht, das zu klein ist: „Die jüdische Geschichte ist schön, aber die jungen Juden schaden den alten, die man weit über die Griechen und Römer setzen würde. Ich glaube: gäbe es keine Juden mehr und man wüßte, es *) Seine Stellung zur Taufe beleuchten Briefstellen. So schrieb er an Moser vom 17. Nov. 1823: „Für mich hätte er (der Taufakt) vielleicht die Bedeutung, daß ich mich der Verfechtung der Rechte meiner unglücklichen Stammesgenossen mehr weihen würde. Aber dennoch halte ich es unter meiner Würde und meine Ehre befleckend..." An den gleichen am 9-Januar 1824: „Vom Verein (für Kultur und Wissenschaft der Juden) schreibst Du nur wenig. Denkst Du etwa, daß die Sache unserer Brüder mir nicht mehr so am Herzen liege wie sonst? Du irrst Dich dann gewaltig... „Verwelke meine Rechte, wenn ich Deiner vergesse, Jeruscholajim" sind ungefähr die Worte des Psalmisten, und es sind auch noch immer die meinigen.** Und am 14. Dezember 1825: „Es wäre mir sehr leid, wenn mein eigenes Getauftsein Dir in einem günstigen Licht erscheinen könnte.** Die stärksten Stellen stehen in den Briefen an ihn vom 9. Januar 1826 und vom 23. April d. J.