Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 282 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Das kulturelle Problem des modernen Westjuden Volkstums, der konstitutiven Zusammenhänge seines Wesens, eine persönliche Frage und zugleich eine Frage seines Menschentums, und in ihrer Lösung ist ihm auch für die Lösung anderer moralischer, soziologischer, politischer Probleme der Weg gewiesen. i« Heine und Weininger In dem wehmütig-beschaulichen Roman Anatole Frances „Le crime de Sylvetre Bonnard" ist eine Stelle, die mir immer wieder einfällt. Der alte Gelehrte sieht Kinder, die zur Schule gehen, und gedenkt ferner Zeiten, wo er gleich diesen zur Schule ging, wo der gleiche Himmel sich über ihm wölbte und er freudig die gleiche graue Luft atmete. Und er denkt seiner Ahnen, wie sie, immer wieder im Laufe der Geschlechter, über die gleiche Erde schritten, die jetzt den Staub ihrer Knochen birgt, wie das stets gleiche Land ihre kleinen Freuden und Leiden aufnahm und hegte und in stetigem Rhythmus wiegte, und wie durch künftige Jahrhunderte die gleiche Sonne und derselbe so geliebte Boden Kinder seines Blutes mütterlich umfassen werden, wie durch all das, Boden und Menschen, Raum und Zeiten, ein einigender, alles verbindender und tragender Strom rinnt, das alte, müde Leben des in strenger Pflichttreue und peinlicher Enthaltsamkeit stets arbeitenden Gelehrten weitend, erhebend und mit zuversichtlicher Freudigkeit wärmend. Der Jude, der dies liest, wird in seinem Innern dabei einen schmerzlichen Stich empfinden. Man kann uns nie so wehe tun, als wenn man uns dort, wo wir zu Hause sind, als fremde, als — und sei es wohlgelittene, gerngesehene — Gäste bezeichnet. Denn wir wissen, daß wir diesen Boden lieben, daß wir die Farben seines Himmels und die Rhythmen seiner Landschaft voll in uns aufgenommen haben, daß er nicht nur uns teuer, sondern durch unsere Liebe und unsere Art, ihn zu fühlen, bereichert worden ist — und doch müssen wir bei voller Aufrichtigkeit den anderen recht geben. Der Boden ist uns so lieb wie kein zweiter und wie vielleicht auch keinem zweiten — und doch es ist nicht unser Boden* Woran mag das liegen? Denn es muß eine tiefe seelische Wesenheit sein, die sich hier in diesem befremdenden und doch deutlich gespürten Widerspruch kundgibt Wir sehen, daß allem, was wir erleben, der Boden, das Land eine entscheidende Betonung gibt, daß es eine Kategorie ist, unter die jede Wahrnehmung subsumiert wird, und^ daß wir uns nur dann wohlfühlen, wenn wir diese Subsumption vornehmen können: dann sind wir „daheim", „zu Hause". Und doch verläßt uns das Gefühl nie, als ob wir noch eine zweite Heimat hätten.;* Man mag dem Judentum so fremd geworden sein äußerlich, daß man immer wieder davon sich lossagt, und doch: man kann nie frei werden von ihm. Viele spüren das sicher nie; es sind die, denen ihr Innenleben immer verschlossen bleiben wird, die überhaupt nicht leben. Aber die anderen treibt dieses Judentum in ihnen immer wieder zu einer Auseinandersetzung mit ihm, zu einer heftigen, ja rasenden, weil man den Gegner als übermächtig, als