Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Das kulturelle Problem des modernen Westjuden
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 281 (sequence 1)
- Language
- German
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Das kulturelle Problem des modernen Westjuden DAS KULTURELLE PROBLEM DES MODERNEN WESTJUDEN „Wie kann sich der Mensch gegen das Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Kräfte, die nach vielen Seiten hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten versammelt, wenn er sich fragt: darfst du dich in der Stille dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken, sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes, um einen reinen Mittelpunkt kreisend, hervortut? Und selbst, wenn es dir schwer würde, diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so wirst du ihn daran erkennen, daß eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt." Wilhelm Meisters Wanderjahre. Wir sind nachdenkliche Menschen, Menschen einer gesteigerten Empfindlichkeit und Regsamkeit des Verstandes und der Sinne, wie sie Zeiten eigen sind, deren Leben losgelöst ist von überkommener Sicherheit und beharrender Festigkeit, deren Leben hastiger, voll eiligen Tastens, unsicheren Suchens wird, als spürten sie, daß Gesetze und Verhältnisse, die ihren Großvätern genügenden Halt, begrenzenden Schutz gewährten, für sie außer Geltung getreten sind, und daß es not tue, einen neuen Standpunkt dem Leben gegenüber zu gewinnen. Der Einzelne fühlt in Zeiten des Überganges seine Einsamkeit, sein Alleinsein, seine Ferne gegenüber den Banden des Tages. Die alten Satzungen und die ihnen zugrunde liegenden Werte erscheinen ihm fraglich, er blickt um sich, und in der verwirrenden, zum Schweifen verlockenden Fülle des Seienden versucht er zu sichten, es zu bemeistern durch Bindung des überquellenden Chaos an feste Formen und vermag es nicht. Da taucht er in sich und hält Zwiesprache mit der Fülle in sich, wägt und scheidet, dringt schürfend unter die Oberfläche und hebt unbewußt Schlummerndes, einst fraglose und tiefe Triebe, denen man sich ohne Bewußtsein hingab, in das helle Licht der Klarheit, um sie wie etwas Neuentdecktes, daher verdoppelt Wertvolles, als Sterne an den Himmel seines Lebens zu versetzen. Zu diesen Zeiten spricht man im Ich und findet in seinem Innern die Gesetze alles Seienden. Die Kunst dieser Zeiten, ihrer Spiegelung und ihrer suchenden Unruhe ist die Lyrik, während die Ruhe und Gegenständlichkeit des Epos, die kühle, meisternde Sachlichkeit des Stildramas fremd und unverständlich sind. So wird in dieser Zeit jede Frage zu einer persönlichen Frage und keine derartige Frage kann gestellt werden, ohne das ganze Menschentum zu berühren. Alle Lebensfragen schlingen sich wie zu einem verwirrenden Reigen, alle heischen Antwort aus dem Kerne unserer Persönlichkeit, und finden wir in einer eine durchgehend neue Antwort, so ist es, als besäße Hiese eine Stellungnahme eine uns verwandelnde Kraft, als hätte im Kerne unseres Wesens eine Wendung sich vollzogen, als hätten wir neue Augen und die Erde einen neuen Sinn. Weil uns alle Fragen zu persönlichen Fragen werden und ihre Beantwortung nur aus einer Schau in unsere Tiefen finden, rühren sie an die Totalität unseres Menschentums. So wird dem heutigen Westjuden das Problem seines