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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 279

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
279 (sequence 16)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 279 maßung, wie sich alsbald erhellen sollte. Und eine weitere Bemerkung sei erlaubt: überall wo Geistige Völker ablehnen, haben sie entweder nie mit ihnen gelebt oder die Ablehnung bereits als Disposition, als der Selbsterforschung deutlich kennbare Abneigung, mit ins Land gebracht. Nirgendswo ist die „Intuition", d. h. das Erblicken eines Volkscharakters aus seinem Schrifttum weniger verbindlich, als dort, wo schon vorgeformte Abneigungen nur auf neues Material lauern. Wer nicht ins fremde Land gehen will und dort warten, wie der Mensch sich ihm allmählich offenbart, kann sich nur an die Genien des fremden Volkes halten, um dessen beste Möglichkeit zu erkennen — ein Drittes gibt es nicht. Leider aber gibt es, d. h. in Form von Wälzern und Broschüren, fast nur dies Dritte: und dennoch sind auch sie erträglich, ja willkommen, wenn sich ihre Verfasser während der Niederschrift von Zeit zu Zeit des Blickes bewußt geworden sind, den die Genien des von ihm behandelten Volkes unablässig auf ihn richten. Aber ein Volk abstrahiert von seinen Großen beurteilen, ergibt immer den Effekt, als stelle einer den Nachkriegsdeutschen als Essenz deutschen Wesens dar — während doch in jedem Volke zu jeder Stunde verborgen die Mächte wirken, die in Jenen glorreich und schmerzlich zutage traten, sei es im Augenblick auch so entgeistet, wie Völker im heutigen Strudel aussehen. In einem späteren Zustande der Menschheit erwarte ich Strafparagraphen gegen jeden, der über Völker schreibt oder auf sie politisch einzuwirken hat (jeder Abgeordnete jedes Parlaments, jeder Stabsoffizier jedes Heeres), ohne mindestens ein Jahr im eigenen Volke und den betreffenden Nachbarvölkern arbeitend gelebt zu haben, und zwar nicht nur mit den Angehörigen der eigenen Schicht, sondern auch mit den Arbeitern, Kleinbürgern, Bauern, Vagabunden und Verbrechern; des eigenen und des Nachbarvolkes, nochmals gesagt. So daß also Kritik von Gruppe zu Gruppe und Objektivität erzeugt von Distanz unmöglich sein sollte, verboten und diskreditiert als unter der Herrschaft des Differenzaffekts geboren? Kritik, die Bestand hat, ist Frucht von Liebe und kenntlich als Liebe durch ihre flammende Gründlichkeit und dadurch, daß nie ein Verdikt gesprochen wird, ohne daß in Ton, Gebärde oder Inhalt auch die Segnungen der Umkehr und die mögliche und erreichbare Glorie gegeben werden. Ob Goethe über die Deutschen, oder Jesaja über die Juden, Flaubert über die Franzosen und Tolstoi über seine Russen kritisch redet: immer hört man, daß er sich einbezieht, auch wo er abrückt; und auch dort, wo der bedeutende Kritiker über fremde Nationen spricht (Goethe über Italiener, Briten, Franzosen), ja, wie Swift und Voltaire, Heine und Shakespeare, über die Menschen im allgemeinsten die bittersten Erkenntnisse zu verkünden hat: stets bezieht er sich innerlich mit in den Kreis der Gebrechlichen ein und sei es nur im Sinne der allgemein menschlichen Verantwortung für den Menschen vor dem Auge des Geistes. Denn diese verantwortlich machende Verbundenheit besteht: und niemand spürt dies besser, weiß dies besser als der entbrannte Prophet und Kritiker, denn seine Flamme

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