Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 280 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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280 t Arnold Zweig: Der heutige deutsche Antisemitismus brennt nur aus ihr*). Und Objektivität? Man beweise mir, daß, abgesehen von abstrakten Disziplinen streng wissenschaftlicher Art — wo aber auch, wenn Schöpfung geleistet werden soll, die begeisternde Liebe zur Sache, zum Gebiet, zur Erkenntniserweiterung die Vorbedingung und Aurora der erleuchtenden Erkenntnis immer ist — Objektivität dem modernen Menschen überhaupt möglich ist, dort, wo er sich der Erfassung menschlicher Gruppen und ihrer Lebenszeügnisse und -niederschlage befleißigen will. Es gibt keine objektive Geschichte der Religionen, Nationen, sozialen Experimente und Bewegungen, kaum von Personen (Napoleon, Mohammed), die irgendwie tief in die lebendig bewußten Zusammenhänge der Menschen gegriffen haben — nur liebend und hassend fundierte Objektivität — und dabei wird es vorderhand wohl bleiben. Und so bliebe uns nur noch übrig, von verdrängtem Antisemitismus in Gegensatz zu kultiviertem ein Wort zu sagen, um zu bezeichnen, wo man ihn findet: überall dort, wo, zu Juden gesprochen, das Wort: „Ja, wenn alle so wären wie Sie" fällt — im Tone des Wohlwollens vorgebracht, der uns unerträglich dünkt. So reden Personen, die, nicht imstande, ihre Affekte zu bändigen, sich doch vor konkreten desavouierenden Fällen ihrer irgendwie schämen; um die generelle Verneinung zu retten, schaffen sie sich dies Scheinwohlwollen für den Einzelfall und geben sich ihm hin, um nun, guten Gewissens wieder und ihrer Objektivität versichert, um so tiefer ihren Affekt zu hegen. Diese Menschen erklären jedem, daß sie, auf die Juden schimpfend, dennoch keine Antisemiten seien, jüdische Freunde hätten u.dgl.; wenn ihre Meinungen dann aber laut werden, lacht man über ihre Naivität, oder erbost sich darüber — je nach Temperament. Gerade solche Seelen hegen in sich den Affekt in seiner vulgären Form, nur daß sie vor dem Einzelfall sich seiner schämen, oder Diskussionen, unliebsamen Szenen oder beschämenden Widerlegungen ausweichen wollen. Wie oft auch fehlt ihnen der Mut ihrer Meinung, und wie oft erst unterliegen sie (und hernach wüten sie darüber) der Ansteckung durch die bessere Atmosphäre des „anständigen Juden!" Und dennoch zeichnet sich noch in dieser Verzerrung der Umriß von etwas Wertvollem: von dem dumpfen Bewußtsein, daß die Affekte des Menschen, alle, ebensoviel Aufgaben des Menschen sind, und daß sie, wie die Schüler in der Algebrastunde, statt daheim ihre Aufgaben zu lösen, von den fleißigeren Kameraden nur die Resultate ab- und unter schon vorhandene ^Gleichungsableitungen hingeschrieben haben, hoffend, daß kein Lehrer den Schwindel durchschaue — was wir hoffentlich alle seinerzeit ebenso machten. *) Niemand versteht die Kritik neuerer jüdischer Kritiker politischer und literarischer Art (Landauer, Kraus, Kerr, Harden, Jacobsohn) in ihrer Radikalität, der nicht dies Phänomen der Mitverantwortlichkeit als stärkste ihrer Quellen erfaßt hat.