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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 278

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
278 (sequence 15)
Language
German
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278 Arnold Zweig: Theorien über Theorien das „jüdische Wesen" nach irgendeiner Seite hin festlegten, ist hiermit erhellend gestreift; man glaubt zu sehen — und man wird gesehen. Noch einmal: ich rede hier nicht von so durchsichtigen „wissenschaftlichen Leistungen", wie Delitzschs neuestes Pamphlet „Die große Täuschung" eine ist, sondern von einer Sphäre, in der Erkenntnis ohne Liebe das einzige Kennzeichen antijüdischer Einstellung ist und bleibt*). Der Differenzaffekt ist nirgendwo imstande, mit seinem radikal entfäsbenden Lichte ein Gebiet des Lebens so zu erhellen, daß Erkenntnis dort sehen kann — eine Bemerkung, die im Alltag genau so gilt wie in der Geschichte von Individuen und Völkern; und daß er sich ebenso untauglich zur Erkenntnis dort erweist, wo sich Individuen gegen ihre eigenen Stammvölker wenden, beweist Nietzsches erbitterte Darstellung des Deutschen (in den späteren Schriften) wie Weiningers Analyse des Juden — um nur zwei Beispiele neuester Entstehung und größten Formats zu nennen (ohne die Distanz zu vergessen, die zwischen Nietzsche und Weininger immerhin klafft: in jeder Beziehung), Die Erkenntnisse des Differenzaffekts sind immer geistreich, d. h. sie geben eine überraschende Teilansicht des Gegenstandes so maskiert, als wäre sie konzentrierte Totalansicht, sie befriedigen vor allem auch beim Leser den Affekt, der sie hervorrief. Wem der Jude widerwärtig ist, ruft bei Weininger: wie wahr! Wer den Deutschen ekelhaft findet, stimmt Nietzsche begeistert zu (und findet, übrigens, in der französischen Kriegsliteratur so fabelhaft schlagende, nur viel besser gesagte, Parallelen zur Antisemitenmanier, daß man einige der bei Dr. Joachim Kühn, Französ. Kulturträger usw., Diederichs, Jena, angezogenen Schriften als Abführmittel übersetzen sollte), der antienglisch Fühlende tobt sich mit Sombarts „Händler und Helden**)" begeistert oder mit den anti - englischen Partien von Schelers „Genius des Krieges" „philosophisch erkennend" aus — und ist, weil was er hört, mit dem übereinstimmt, was er ohnehin schon wußte, mit Evidenztäuschungen hinters Licht der Wahrheit geführt. Auch Thomas Manns „Bekenntnisse eines Unpolitischen" gehören ins Gebiet solcher Schriften, wo Erkenntnisse, ebenso blendend als schief, sich für wahr halten — wie überhaupt der Krieg und die geistige Epidemie, die er, in Deutschland und anderswo, ausbrechen ließ, erst recht aufdeckte, wer im ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert über nationale Gruppen Erkenntnisse verhökert-hat —was wir Juden so lange, da wirs am ersten unä fast allein spürten, für unser Sonderschicksal als Objekt gehalten hatten: jüdische An- *) Vgl. zum Thema Liebe und Erkenntnis Schelers gedrängt-erfüllte Abhandlung über die Sympathiegefühle (Halle, 1913) die, kritisch gelesen — was bei allen Schriften dieses ausgezeichneten Phänomenologen Voraussetzung ist — ungemein fördert, und den so betitelten Aufsatz in „Krieg und Aufbau" (Leipzig 1916). **) Eine Schrift, die jeder lesen muß, der sehen will, wo Sombart anbetet und wie uiid wo er bejaht — eine Entgleisung? wohl, aber aufschlußreich wie jede Nebensache und unkontrollierte Bewegung. Sombarts sonstige Lebensarbeit bleibt davon natürlich unberührt.

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